Trixis Tausend Tode

And now for something completely different: Ein Krimi. Aus der Anthologie “Schattenwelten – Wahn, Gewalt und Tod” aus dem Literaturlabor des Mayamedia Verlages.
Lest und bestellt das Buch, es gibt noch Auflage. Und die anderen Geschichten sind (noch) besser als meine!

Sie saß ihm im Abteil des Intercity 803 gegenüber. Er hatte sie sofort erkannt, trotz ihres ratzekurzen, rotgefärbten Haars. Ihre Sommersprossen verrieten sie: Trixi.

Wieder diese Frau. Sie ließ nicht von ihm ab, stellte ihm nach, machte ihm Angst. Hat das kein Ende? – fragte er sich.

Damals hatte er gezögert. Er wollte sie nicht nur von den Klippen stürzen, sondern ihr vorher das Genick brechen. Aber er verpasste den Moment, in dem sie wehrlos war. Versetzte ihr einen Stoß und legte einige Meter weiter eine falsche Fährte.

Dann fuhr er zur Post. Holte Geld ab, fuhr wieder in das Ferienhaus und raste voll Panik zur Polizeistation. Er sei nur kurz weg gewesen und nun sei seine Frau verschwunden.

Ihre Leiche tauchte nicht auf. Das sei normal an der bretonischen Küste, hieß es. Die Spuren, von der Polizei am schmalen Schmugglerpfad gefunden, sei eindeutig: Sie habe sich zu weit an die Kante gewagt, das Erdreich habe nachgegeben, sie sei die Klippen hinuntergestürzt. Tödlicher Touristenleichtsinn.

Die französischen Polizisten waren froh, den Fall so schnell wie möglich abzuheften und die Formalitäten in Deutschland hielten sich in Grenzen.

Und nun saß sie ihm wieder gegenüber, lachte laut und verstaute ihr Handy in der Jacke, die neben dem Sitz am Haken hing.

Das erste Mal nach dem Klippensturz hatte er sie auf Kreta gesehen. Ein Jahr danach. Im Speisesaal des Hotels. Er hatte sie gleich erkannt; es war der kecke Blick, den sie ihrem Begleiter zuwarf. Er musste sie töten, damit sie sich nicht rächte und ihn verriet.

Sie kamen ins Gespräch. Das Pärchen wollte am Donnerstag die Samaria-Schlucht abwandern, die ganze Strecke. „The long way“ sagte man dazu. Achtzehn Kilometer, sengende Sonne, gefährlich für Kreislaufpatienten. Ein perfider Plan entstand in seinem Kopf.

Nach dem Essen suchte er die beiden älteren Damen, mit denen er einige Male gefrühstückt hatte. Eine von ihnen war herzkrank. Er wusste vom starken Mittel in ihrer Handtasche.

Sie checkten gerade an der Rezeption aus. Der Bus, mit dem ihre Gruppe nach Heraklion zum Flugplatz fahren würde, stand schon vor der Hoteltür. Alles war in Eile, der Flieger wartete nicht.

Er bot der hilfsbedürftigen Herzpatientin an, ihren Koffer zu tragen. Und nahm die Handtasche auch noch an sich. Auf dem Platz vor dem Hotel fiel ihm die Tasche herunter. Ungeschickt hob er sie auf und verteilte dabei den Inhalt auf dem Boden.

Ein Tritt, und das Fläschchen mit dem Herzmittel kullerte unter eine Agave. Schnell, schnell, alles zusammenraffen, der Bus muss losfahren!

Donnerstag setzte er sich beim Frühstück wieder mit Trixi und ihrem Begleiter an einen Tisch. Der Kaffee wurde serviert – für meine Frau bitte einen Tee! – und man begab sich zum Buffet. Er war als erster zurück und goss großzügig Herzmittel in Trixis Teekännchen.

Die Bestürzung war groß, als man erfuhr, dass ein Hotelgast in der Samaria-Schlucht gestorben sei. So eine junge Frau! Sicher war sie krank. Der Reiseleiter hätte besser aufpassen sollen! Stimmt es, dass ihr Begleiter verhaftet worden ist?

Die rotgefärbte Trixi aus dem IC 803 aß inzwischen einen Apfel und las in einer Zeitung.

Auch auf Kreta hatte er die Leiche nie gesehen. Das war sein Fehler. Genauso, wie bei der Bedienung im Hotel in Tunis. Damals waren es die Hände, an denen er sie sofort erkannte. Sonst war die Verkleidung perfekt: Augen und Haar zeigten ihr kosmetisches Talent, das dem einer Maskenbildnerin ebenbürtig war. Sogar ihre niedliche Nase war völlig verändert.

Er knackte den Mietwagen eines Hotelgastes – Latexhandschuhe wegen der Fingerabdrücke trug er seit Trixis drittem oder viertem Auftauchen bei sich. Er wollte sie überfahren.

Aber es misslang. Sie zögerte, als sie die Strasse zur Hälfte überquert hatte. Er traf sie nicht, konnte sie nur erschrecken, sie wich aus und geriet unter einen Reisebus. Durch die Menschenmenge, die sich in wenigen Sekunden gebildet hatte, sah er nicht, ob sie diesmal tatsächlich tot war. Er musste weiter fahren, um nicht aufzufallen.

Wie würde er vorgehen? Er musste die allerletzte Grenze überschreiten. Die letzte Grenze – einen Menschen zu töten – schreckte ihn nicht. Längst zählte er die tödlichen Begegnungen mit Trixi nicht mehr. Nun war es an der Zeit, er musste er das Werk schließlich vollenden.

Das war die allerletzte Grenze: Einen Menschen zu töten und sein Sterben zu sehen.

Er musste es tun. Er musste sicher sein, dass Trixi nicht noch einmal wiederkam.

Nicht wieder den gleichen Fehler begehen, wie damals in Venedig. Trixi wohnte mit einer Frau im Hotel gegenüber dem seinen. Er hatte sie erst am vorletzten Tag seines Aufenthalts entdeckt. Als sie in ein Taxi stiegen, nahm er auch eines. Folgen Sie diesem Boot!

Auf Murano schließlich spielte er den Kranken: ein katastrophaler Kreislaufzusammenbruch schien ihn an den Rand des Todes zu bringen. Die beiden Frauen wollten helfen; er hielt sich an Trixi fest und schickte die andere, einen Arzt zu holen.

Langsam raffte er sich auf, griff in die Tasche, wo sich seit Tunis immer ein volles Fläschchen Chloroform und ein Wattebausch befand. Als Trixi sich nach ihrer Freundin umsah geschah es: Er betäubte sie und ließ sie fast lautlos in den Canale gleiten. Ihre Kleidung sog sich voll und Trixi ging wehrlos unter.

Aber offenbar war sie auch diesmal wieder aufgetaucht. Und danach kam sie immer öfter in seinem Leben vor. Längst traf er nicht nur im Urlaub auf sie. Bei jedem Restaurantbesuch sah er sich inzwischen misstrauisch um, wo er sie diesmal entdeckte; bei jeder Gerichtsverhandlung schielte er ins Publikum, wo sie wohl diesmal säße.

Die Intercity-Trixi sprach ihn an. Wohin er fahre? Karlsruhe. Urlaub? Nein, beruflich, als Anwalt. Verfassungsgericht? Ja. Und sie? Nur bis Köln, Familienbesuch.

Der Zug verließ gerade Osnabrück. Hinter Münster kamen im Kohlenpott zu viele Bahnhöfe, er musste also schnell handeln.

Wie damals bei der Trierer Taxifahrerin. Er saß auf dem Beifahrersitz und sie machten Smalltalk. Vielleicht werden Sie mal Bundesministerin – Muss man dazu nicht auch Polizisten verprügeln? – Hahaha. Als er links auf Augenhöhe die Laderampe des Möbelwagens sah, griff er ins Lenkrad. Die Kante drang durch den Dachpfosten und er verlor dass Bewusstsein. Im Krankenhaus – er war nicht schwer verletzt – erfuhr er, die Taxifahrerin habe die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und sei tot. Die Leiche hatte er auch damals nicht gesehen.

Als Trixi merkte, dass er ihr nicht zuhörte, ging sie auf die Zugtoilette. Er schielte in den Gang: Die Toilette war frei, sie musste nicht warten. Er folgte ihr. Kein Mensch auf dem Gang. Zog die Latexhandschuhe an. Nahm den Vierkantschlüssel aus der Jackentasche.

Die Rasierklinge bereithalten. Chloroform auf den Wattebausch.

Heute stirbst du zum letzten Mal, Trixi.

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