Kothaufen, Kälte und Futter aus Fischleichen

Immer wieder protestieren Tierschützer gegen die Nerzfarn in Willich – eine von elf in NRW. Reich werden die Züchter der eingepferchten Tiere nicht.

“Sie sollten sich mal um etwas Vernünftiges kümmern”, poltert Bürgermeister Josef Heyes eine 72-jährige Demonstrantin an. “Wissen Sie, was das den Steuerzahler kostet?” Zum siebten Mal innerhalb der letzten 15 Monate haben sich in Willich TierschützerInnen versammelt, um gegen den örtlichen Nerzzüchter zu demonstrieren. Bei der ersten Demonstration war Ingrid Steeger dabei; im November fand eine 24-stündige Mahnwache vor einer Farm statt. Diesmal hat eine Biologin aus Mülheim zum “Aktionswochenende gegen die Nerzzucht” eingeladen.

Mit Sprechchören und Transparenten ziehen die 45 TeilnehmerInnen durch den ländlichen Stadtteil Schiefbahn zu einem Waldstück. Von hier aus kann man die Nerzfarm von Manfred R. sehen.

R. züchtet eine amerikanische Nerzrasse, den Mink. In Freiheit verbringen die Tiere die Hälfte ihres Lebens im Wasser und haben ein Revier von 20 km².

Auf der Farm sitzen sie in Käfigen von 30x90cm Grundfläche – internationaler Standard der Zuchtverbände. Die Kästen hängen hüfthoch über der Erde. Ihr Boden ist aus Draht, damit Kot und Urin durchfallen. Die Kothaufen unter den Käfigen sind hoch. Tropfende Fäden hängen herab. Auf den Käfigen kleben Fladen einer undefinierbaren Masse: das Futter, eine Mischung aus Fischabfällen und Müll aus der Tierkörperbeseitigungsanstalt. Die Nerze müssen es durch das Gitter hindurch schlecken.

Rund vierzig Züchter gibt es bundesweit, elf von ihnen in NRW. In Willich wissen viele BürgerInnen nicht einmal, wo die Nerzfarm ist. Von der Straße aus gesehen ist das Haus unscheinbar: kein Firmenschild hängt am Tor, selbst der Name am Briefkasten fehlt. 3000 Tiere werden hier jedes Jahr aufgezogen und mit sieben Monaten vergast. Rund 1000 Zuchttiere kommen hinzu; die leben immerhin zwei bis vier Jahre und haben Einzelkäfige, damit sie sich nicht gegenseitig zerfleischen. Frei lebende Nerze werden fünf bis sieben Jahre alt.

Mehr als siebzig Felle braucht man für einen Nerzmantel, der im Schlussverkauf rund 8000 Mark kostet. Die Züchter haben nur einen kleinen Anteil an diesem Gewinn: Wenn Manfred R. auf 40 Mark pro Fell kommt, macht er einen guten Schnitt. Um über die Runden zu kommen, betreibt er nebenbei Imbissbuden.

Die Demonstrationen reißen R. aus der Anonymität und machen ihn immer wieder zum Stadtgespräch. Die Behörden wurden aufmerksam; BürgerInnen sammelten im November Unterschriften für die Schließung der Farm, doch Bürgermeister Heyes weigerte sich, die Listen anzunehmen. Im vorigen Jahr brachen Unbekannte mehrfach in die Farm ein, öffneten oder zerstörten Käfige. Ende Januar flogen Molotow-Cocktails über den Zaun. Seitdem ermittelt der Staatsschutz in Tierschützerkreisen. Die friedlichen Tierschützer machen ihrer Wut bei Demonstrationen Luft. Ihr Ziel, ein Zuchtverbot für Pelztiere, liegt jedoch noch in weiter Ferne.

VOLKER KÖNIG

Kasten 1

Pelz und Proteste

Die Pelzbranche ist seit Jahren in der Kritik von Tier- und UmweltschützerInnen. Nicht zuletzt durch deren Aktionen nimmt die Zahl reiner Pelzläden ständig ab; 10 Prozent der Betriebe sind alleine 1999 verschwunden. Aber die “Produktion” der Rohfelle geht kaum zurück. Statt Pelzjacken oder -mänteln werden zunehmend Pelzkragen und andere Applikationen hergestellt. Viele VerbraucherInnen machen sich nicht klar, dass auch ein bisschen Pelz Tierquälerei bedeutet. Auf Nachfrage beteuern Einzelhändler wie Karstadt und Kaufhof zudem, durch strenge Kontrollen die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen bei ihren Zulieferern sicherzustellen. Dabei sind die staatlich geduldeten Zuchtbedingungen kaum noch zu unterbieten. Wenige verantwortungsbewusste Unternehmen boten daher schon früh nur noch Webpelze an – beispielsweise SC Retail Inc., britisches Mutterhaus von C&A.

Dennoch führt C&A seit dem Winter 1998 nach 10 Jahren wieder Pelze. Tierschutz- und Tierrechtsgruppen organisierten eine Boykottaktion gegen das Unternehmen. Am 27. Mai demonstrierten sie vor C&A in Essen, am 29. Mai in Düsseldorf. C&A verweigerte nicht nur die Annahme einer Protestnote der AktivistInnen sondern gibt auch der Presse zur Zeit keine Auskünfte über die “Pelzpolitik” des Hauses. Kontakt zu AktivistInnen in NRW über 0234/2970857 (fon und fax) und CundA_boycott@yahoo.de

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