Feigenblätter

Thomas Pany hat in Telepolis einen schönen Beitrag zu kulturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte veröffentlicht.

Sein Gedanke:

In den späten 1970er und 1980er Jahren war man der Nacktheit von Kindern gegenüber unschuldiger, sagen viele. Dass Kinder nackt herumlaufen dürfen, war selbstverständlich und ohne doppelten Boden.

Ich hab erst in Gedanken vehement meinen Kopf geschüttelt. Inzwischen hab ich das Thema reflektiert und  stelle fest: Es stimmt.

Da erinnere ich mich beispielsweise an einen Artikel aus einer Programmzeitschrift. Es muss iin den frühen 1980ern gewesen sein, als ich selber Teenager war. Ein Musiker der Sex Pistols wolle einen Playboy für Jugendliche herausbringen.

Sicherlich wäre diese Zeitschrift nie erschienen. Erotische Bilder von Minderjährigen waren schon “damals” kaum zu publizieren, und so war diese Pressemeldung vermutlich nur dazu gedacht, den Namen “Sex Pistols” mal wieder gassi zu führen und vielleicht ein paar Schallplatten zu verkaufen. Einige Jahre später erinnere ich mich jedoch, dass ein Schulkamerad auf einer Klassenfahrt – es muss 1984 gewesen sein – einen Playboy hervorkramte und uns fasziniert die Bilder des jüngsten Playmates aller Zeiten zeigte (“Die ist erst 16, aber da kannste Sie zu sagen”).
Aber würde diese Meldung heute noch publiziert? Doch wohl höchstens in der BILD-Zeitung, oder? Und durch die an den amerikanischen Vorbildern orientierten Tatbestände, die “Jugendpornographie” illegal machen, ist der Besitz dieser Playboy-Ausgabe heute wohl niemandem zu empfehlen.

Tatsächlich hat sich viel verändert, und daran mag auch die Berichterstattung schuld sein. Die meisten damit befassten Fachleute sprechen davon, dass bei sexuellem Missbrauch und Entführung von Minderjährigen über die Jahrzehnte recht unveränderte Fallzahlen anzunehmen sind. Allerdings werden mehr Missbräuche aufgedeckt, weil die Gesellschaft an sich sensibilisierter ist als früher, aber die Gesamtzahl scheint stabil zu sein.

Das Risiko für ein Kind, vom Onkel missbraucht oder von einem Fremden entführt zu werden, ist seit 1975 nicht spürbar gestiegen. Wohl aber – wie gesagt – die Sensibilisierung der Bevölkerung. Ein Effekt, den ich auch mit der Berichterstattung in der Presse, der Boulevardisierung der seriösen Medien und dem ‘Jedermannmedium’ Internet in Zusammenhang stellen möchte.

Wenn in den 1980ern ein Kind verschwand gab es in der Lokalpresse Berichte darüber, die mit konkreten Fahndungsaufrufen der Polizei verknüpft waren.

Heute gerät ein solcher Fall – der ja alle betroffen macht – schnell in die Hauptnachrichtensendungen der Privatsender.  Parallel gehen Aufrufe durchs Internet, die zusammen mit altbekannten Hoaxes die Runde machen. Dabei ist es bei einem in München entführten Kind nicht sehr wahrscheinlich, dass der Täter es nach Hamburg verschleppt hat, schon Ulm wäre eher unwahrscheinlich. Dennoch werden die Sonderkommissionen mit Anrufen aus dem ganzen Bundesgebiet und darüber hinaus überzogen.

Es gibt daher sehr viel mehr und sehr viel dramatischere Berichte, was einen Anstieg der Fallzahlen vorgaukelt.

Das führt zu paranoiden Blüten:

Auch hier zeigte sich – neben allerhand geschockter Mütter, die ihre 6jährigen Tochter bei deren Freundin abholen und sehen müssen, dass der 5jährige Bruder des kleinen Mädchens nackt im Haus herumläuft – das Phänomen des gefürchteten Päderasten-Blicks. Weil “weird people” sogar in die Wohnung hereinschauen könnten. Das versuchen sie doch schon längst, oder? (siehe die Bundestrojaner- und Netzsperren-Initiativen…)

Warum kommen Menschen darauf, an solche Gefahren zu glauben?
Polarisierend könnte man jetzt sagen: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche. Oder: Moralisten sind Menschen, die andere da kratzen, wo es sie juckt.

Aber so einfach ist das nicht.

Meine These: Es sind Ängste, die geschürt werden, von Medien, von Pädagoginnen und Pädagogen als Multiplikatoren, dem Internet als Multimedium, in dem man sich per Diskussionsforum nochmal so richtig emotional pushen kann. Wir alle haben eine “Angstfähigkeit”, die uns im Dschungel überlebensfähig macht. All die Gefahren, die dort auf uns lauern, können zu entsprechend abgestuften und dosierten Ängsten führen.

In unserer Welt gibt es kaum noch reale Gefahren. Die Angstfähigkeit ist jedoch noch da und bei manchen Menschen sorgt ihr “Leerlauf” dafür, dass sie banale Dinge als Gefahren sieht und beispielsweise unsinnige Phobien hervorbringt. Und natürlich spricht sie auch an, wenn glaubwürdige Menschen von Gefahren berichten.

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