Scully, Mulder, wo seid Ihr?

Ich gebe es zu: Ich bin Anhänger von Verschwörungstheorien. Natürlich ist Elvis von Außerirdischen entführt worden, die zuvor in Area51 Urlaub machten. Natürlich gibt es Illuminaten und andere Geheimorden. Wo kämen wir denn hin, wenn man nicht ein bisschen gepflegte Paranoia praktizieren dürfte?

Dann twitterten Johnny Häusler und Mario Sixtus kurz nacheinander einen Link auf ein politisches Flugblatt, das anlässlich der Bundestagswahl verbreitet wird.

BüSo – wer kennt sie nicht vom Straßenwahlkampf mit ihren Infoständen, die eigentlich nach Matrizen und Hektographien riechen müssten, wenn es sowas noch gäbe. Bislang fand ich diese Infostände, die zum Teil aus Garten- oder Tapeziertischen bestanden und den Flair eines politischen Flohmarktes versprühten, einfach rührend. Ein thematisches Allerlei, das vielleicht interessant sein könnte, wenn nur nicht immer so viele Worte drum rum rum rum gemacht würden, die man alle lesen müsste, um zu verstehen, worum es geht.

Dann der besagte Link auf das BüSo-Flugblatt zum Thema Killerspiele.

O!

Mein!

Gott!

Was mit einer launigen Fotomontage über Killerspiele beginnt (die Johnny Häusler erst für das Cover der Titanic gehalten hatte), versteigt sich in Paranoia, allgemeine Verschwörungstheorien, pseudoethisches Gedusele und eine ungeheuerliche Weltverschwörungsaufdecker-Hybris.

Historisch betrachtet könnte man dieser Flugschrift vielleicht ebenso viel Wert beimessen wie den Flugblättern der Weißen Rose, die mit Heldenmut den Feind im eigenen Land bekämpften und bis zuletzt das wahre Deutschland Friedrich Schillers verteidigten. Wie im folgenden klar werden wird, kommt Faschismus heute nicht im braunen Gewand daher, sondern mittels subtiler Gleichschaltung/“Vernetzung“ einer ganzen Generation, bei der sowohl Joseph Goebbels als auch Aldous Huxley vor Neid erblaßt wären. Diese Flugschrift soll vor allem den jungen Leser befähigen, dies als Krankheit zu erkennen, um sich rechtzeitig davon zu befreien.
(Präambel des Flugblattes)

So. Gelesen? Lässt der Würgereiz nach?

Diese Flugschrift (der Gedankensprung zur Flugsalbe drängt sich mir immer wieder auf, wenn ich das Wort lese) wird also mit den Flugblättern der Weissen Rose verglichen. Man muss im Geschichtsunterricht schon unter Narkotika gestanden haben, um so wenig vom Leben der Geschwister Scholl zu verstehen, wie der Autor dieses Vorwortes es anscheinend tut.

Meine Befürchtungen über den Inhalt der Flugschrift, die mit solcher Geschichtsklitterung geweckt wurden, bewahrheiteten sich im weiteren Text. Nein: Sie wurden übertroffen.

Ich hielt den “Teufel” im Hintergrund der Titel-Fotomontage zunächst nur zufällig für einen Doppelgänger von Bertrand Russel. Doch tatsächlich befasst sich ein ordentlicher Teil des Textes mit Russel und dem “Konzept für unsichtbare Konzentrationslager”. Das Flugblatt führt anhand von Zitaten Russels (die nur einen winzigen, aus dem Zusammenhang gerissenen Bruchteil seiner Überlegungen zeigen), dass dieser eine Indoktrination von Kindern auf eine vom Staat gewünschte politische und ethische Linie befürwortet hatte.

Leute, kommt, wenn man sich mit philosophischen Schriften so gar nicht auskennt, sollte man sie in Frieden lassen. Das gleiche gilt für die Psychologie als solche. Wenn ich ordentlich suche finde ich im Gesamtwerk jedes Philosophen, Schriftstellers und Politikers Aussagen, die sich ohne Kontext äußerst merkwürdig lesen.

Das Fazit der BüSo-Interpretation von Russels Gedanken ist: Die Medien vom Radio bis zum Killerspiel sollen nur dafür sorgen, dass den Kindern dieser Welt eine fragwürdige Ethik vermittelt wird, damit sie – so Russels Bild – wahrheitswidrig überzeugt würden, Schnee sei schwarz.

Das alles wird nun mit Bruchstücken der Arbeiten von Kurt Lewin (Motivationspsychologie), dem Trauma-Forscher John Rawlings Rees oder Paul Felix Lazarsfeld verschwurbelt.

Was ich hingegen beruhigend finde: Das Flugblatt ist so lang, dass es außer Leuten wie einem gewissen Fletcher kaum jemand bis zum Ende lesen wird.

Und für alle, die meinen Blogbeitrag bis zum Ende gelesen haben, noch was zum Thema. Natürlich Indoktrination. Denn, wie BüSo Bertrand Russel zitiert: “Verse, die mit Musik begleitet und beständig wiederholt werden, [haben] sich als sehr effektiv [bei der Indoktrination] erweisen”.

(Da das Original von Element of Crime in diesem Land nicht verfügbar ist muss halt ein Cover herhalten…)

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