The day after. Du kommst auch drin vor.

Ich bin ja nun so ein Onlinedinosaurier. Im Spätsommer bin ich seit 25 Jahren online, damals noch mit einem selbstgebauten Modem Akustikkoppler und gegen den massiven Widerstand meiner Eltern, die das Telefon auch mal benutzen wollten. Gestern, auf dem Jour Fitz in Oberhausen, zeigte sich mal wieder deutlich, dass in den letzten 25 Jahren schier unglaubliches passiert ist.
“Damals” waren wir in Mailboxen online. Mailboxen waren Spielzeuge, Werkzeuge oder Selbstdarstellungsplattformen von Menschen, die man “Sysop” nannte. Bei reichen Sysops lief die Mailbox mit professioneller Software auf einem PC, weniger reiche Sysops mussten für ihren C64, Atari ST oder Commodore Amiga schon selber etwas programmieren.
Durch die Telefongebühren für den Anruf bei der Mailbox war man zwangsläufig auf den Nahbereich beschränkt, ganz besonders auf die Ortstarife, wo jeder Anruf damals nur 23 Pfennig kostete. Wir trafen uns offline zu Stammtischen, wo man dem Typus Mensch begegnete, den man heute “Nerd” nennt.
Man trank Kaffee, Cola, selten Bier, und jeder hatte irgendwas zum Zeigen dabei. Eine Grafikkarte, ein RS232-Kabel mit kalter Lötstelle, EEPROMS mit der neusten Firmware für ZyXel-Modems. Einige waren dabei, denen eine Hand voll Kugelschreiber, manchmal sogar ein Phasenprüfer oder einer IC-Zange, aus der Hemdtasche ragte.
Aber es war im Prinzip schon wie das “Web 2.0”, nur halt eher lokal. Mailboxen bestanden aus Privatnachrichten und Foren (ja, oder auch Brettern), in denen man zum Thema oder off topic etwas schreiben konnte. Es gab auch bei Mailboxen rechtliche Probleme, zwar noch keine Abmahnungen in der heutigen Form, aber Vorstufen davon.
Damals konnten nur Menschen mit einer gewissen Frustrationstoleranz und Bastelleidenschaft online gehen. Es ging nicht ohne technisches Hintergrundwissen, was Signale wie “RI” oder “HUP” bedeuten, dass CR/LF etwas anderes ist als EOL und man nie “+++” in einem Text tippen sollte.
Wie war das gestern?
Da standen in Oberhausen die Twitterer in Grüppchen und Cliquen, und die Lesungen waren grandios.
@silenttiffy merkte an, dass keine Nerds da seien. Für einen kurzen Moment erstaunt stimmte ich ihr zu.
Keiner da. Keiner. Dabei wäre so ein Nerd die Rettung gewesen, zumindest für @mirjamari, die ein Video vorführen wollte, aber ohne WLAN nicht online gehen konnte. Mein WLAN HotSpot im Smartphone bekam zwar nach 80% des Downloads kein UMTS-Signal mehr, aber das hätte auch gereicht. Allerdings passte das Beamerkabel nicht in ihr iBook und auf das vom @vergrämer konnte das Video nicht übertragen werden, weil auf die Schnelle kein Memorystick da war.
So ein echter Nerd hätte mindestens 2 Memory Sticks dabei gehabt, einen mit einem bootfähigen Linux, und ein Nullmodemkabel mit Universaladaptern für alles von C64 bis Cray zudem.
Außerdem stehen Nerds nicht mit einem Bier in der Hand in Gruppen auf so einer Party rum, halten Smalltalk und machen Fotos voneinander, sondern stehen im Flur und beobachten die Leute beim Smalltalk und reden über Netzwerkkabel und andere spannende Dinge, die außer ihnen keiner versteht.
Was mir der @WLANfail bestätigte, als wir im Treppenhaus standen, die Leute beim Smalltalk beobachteten und uns darüber unterhielten, dass man den ultimativen Tweet natürlich nur dann ersinnnt, wenn grad keine Primetime ist und keiner ihn lesen wird.
Nein, es waren ganz famose Leute da, die das Internet in der Hosentasche mit sich trugen. Und keine Nerds. Was vor 25 Jahren noch die technische Spielerei einer Minderheit war, die von den Medien und einigen Behörden argwöhnisch beäugt wurde, ist heute die Subkultur einer Gegenöffentlichkeit, die von den Medien und einigen Behörden zwar argwöhnisch beäugt, aber auch benutzt wird.
Und vor 25 hätten die Nerds sich nach den Vorträgen der Veranstaltung an ihrem Colaglas festgehalten, nerdige Themen diskutiert und sich Witze erzählt, die nur sie selbst verstehen.
Keiner von ihnen hätte sich mit @3x3ist6, @die_sturm, @kleinesscheusal und noch mehr Gästen auf der Tanzfläche eingefunden.
Wer die Beweisfotos sehen will: Sie sind auf Flickr.

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3 thoughts on “The day after. Du kommst auch drin vor.

  1. vk

    Siehste, und deshalb hab ich gleich ne ganze Blog-Kategorie draus gemacht, weil da noch mehr kommt ūüėČ

    Reply

Dein Senf dazu?