Frau Merkel, wir müssen reden (UPDATE).

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
ich gehöre nicht zu denen, die ihre Partei gewählt haben – das gleich vorweg. Ich bin nunmal Mitglied einer anderen Partei aus der entgegengesetzten politischen Ecke.
Als Sie Bundeskanzlerin wurden, hatte ich durchaus Hoffnungen. Ok, an Ihre Jugendsünden als Bundesumweltministerin 1994-1998 unter Helmut Kohl erinnerte ich mich noch.
Sie auch? Damals waren diese CASTOR-Transporte. Und Demonstrationen dagegen. Neben Positivem wie den ersten Denkansätzen der Ökosteuer, hatten Sie auch zu erklären, warum bei CASTOR-Transporten Strahlungsgrenzwerte überschritten wurden.
Ok, es war offenbar eine vernachlässigte Aufsichtspflicht von Bundes- und Landesbehörden zu verzeichnen. Unzureichende Kontrollen sind ein Dauerthema, wie wir beim Dioxinskandal gesehen haben. Auf den Gedanken, das in den skandalfreien Jahren eingesparte Personal wieder aufzustocken, kommt man natürlich erst, wenn das Kind schon im Brunnen liegt.
Und jetzt haben wir diese Sache mit dem Atomausstieg. Oder dem Ausstieg aus dem Atomausstieg. Oder ist es jetzt gerade der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Atomausstieg, was sie machen? Ich bin mehr als verwirrt, und die sprachliche Analyse von Professor Martin Haase [Ein Mirror von Martins Blogpost ist hier] zeigt mir, dass meine Verwirrung richtig ist. Und viele andere Bürgerinnen und Bürger durch diese Vewirrung gar nicht mitbekommen, ob Sie nun davon reden, dass wir nach dem Multi-GAU in Japan aus der Atomenergie aussteigen oder das nicht tun und es lieber aussitzen.
Natürlich ist die Situation in Japan nicht mit der in Deutschland vergleichbar. Tsunamis kommen bei uns eher nicht vor und so richtig starke Erdbeben haben wir auch nicht.
Ich bin auch der festen Überzeugung, dass wir die Atomkraft technisch im Griff haben.
Unter Laborbedingungen.
Noch nicht befriedigend im Griff haben wir die Sache mit dem Atommüll. Nicht nur, dass die Entsorgung ungeklärt ist, weil es bis heute keine geeignete Endlagerstätte gibt. Stellen Sie sich mal vor, die Pharaonen hätten Atomstrom erzeugt und alles nur zwischengelagert – wir müssten noch heute Aufwände betreiben, um uns vor den Hinterlassenschaften einer untergegangenen Zivilisation zu schützen.
Und sehen Sie sich mal die Bilanz an: Die Zwischenlager und die Transporte werden größtenteils vom Staat bezahlt, die Atomwirtschaft zusätzlich steuerlich belohnt. Mit anderen Worten: Obwohl ich seit Jahren kernenergiefreien Strom von den Elektrizitätswerken Schönau beziehe, subventioniere ich die Kernenergie über meine Steuern!
Dann haben wir da das Problem mit den Menschen. Menschen machen Fehler, und Fehler zu machen ist menschlich.
Ob es aus Ehrgeiz, einen eigenen Reaktor zu entwickeln, geschah? Wir wissen es nicht. Jedenfalls war der Forschungsreaktor in Jülich eine Zeitbombe.
Was man allerdings erst bei seinem Rückbau erkannte:

Erschreckender noch ist eine wissenschaftliche Analyse, die nahelegt, dass der Reaktor jahrelang wohl nur knapp an einer gewaltigen Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Sowohl unkontrollierte Kettenreaktionen im Reaktorkern als auch Explosionen mit einer Beschädigung der Reaktorhülle wären danach möglich gewesen.

Hatte ich grade gesagt, dass wir die Kernenergie unter Laborbedingungen im Griff haben?
Ich korrigiere mich: Wir haben sie unter idealen Laborbedingungen im Griff.
In Jülich, also mitten in einem Labor, zeigte sich hinterher, dass die Theorie des ungefährlichen Kugelhaufenreaktors falsch war und niemand den Mut hatte, dies zuzugeben und das Experiment abzubrechen. Der SPIEGEL-Artikel beschreibt sehr anschaulich Stümperei und Schönreden der Probleme.
Auch nicht im Griff haben wir die Menschen, die nicht beruflich mit der Atomenergie zu tun haben. Dieses Jahr ist der zehnte Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center. Das vergangene Jahrzehnt, wurde von den westlichen Regierungen durch den Kampf gegen den Terrorismus geprägt.
Wir haben keine so bedeutungsschwangeren Hochhäuser wie das WTC es war. Dennoch denken auch unsere Politiker daran, dass Terroristen Passagierflugzeuge kapern und zu fliegenden Bomben machen könnten und organisieren Abwehrmaßnahmen. Ob das Luftsicherheitsgesetz verfassungsgemäß ist, wird sich leider erst nach einer Anwendung zeigen.
Viel schlimmer als den denkbaren Verstoß gegen unsere Verfassung finde ich die Hybris, die hinter dem Gedanken steckt, dass man durch eine Regelung eine Gefahr beseitigt. Als am 11.9.2001 die Passagiermaschinen entführt wurden, war das ein unverhersehbares Ereignis. Deshalb gab es keinen Schutz gegen diese Form des Angriffs. Und ob die license to kill in unserem Luftsicherheitsgesetz ausreichend sein wird wissen wir auch nicht – bevor ein entführtes Passagierflugzeug abgeschossen werden kann, muss es zuerst als Gefahr erkannt werden. Vielleicht ist es dann ja schon zu spät?
In einem dichtbesidelten Land wie dem unseren bleiben unter Umständen nur ein paar Minuten Reaktionszeit, um nach dem Erkennen einer Flugzeugentführung mit dem Ziel, eine Boeing 737 auf einen Atommeiler zu stürzen, irgendwie zu reagieren.
Nicht nur, dass Terroristen heutzutage ihre eigenen Leben opfern und man ihnen nicht mit dem Tod drohen kann – sie werden natürlich unvorhersehbare Angriffe planen.
Dass es in Japan sowohl Tsunamis als auch Erdbeben geben kann ist bekannt, die aktuelle Naturkatastrophe ist auch denkbar gewesen, nur eben nicht vorhersehbar. Daher waren die Sicherheitsmaßnahmen auch nicht darauf ausgelegt.
Unsere Kernkraftwerke sind gegen die vorhersehbaren Gefahren sicherlich hinreichend geschützt. Das Problem – auch bei uns – sind die unvorhersehbaren Gefahren. Gefahren, die von der Natur und sowohl vorsätzlich als auch fahrlässig von uns Menschen ausgehen.
Was den Atommüll angeht, müssen Sie sogar vierdimensional denken: Der Atommüll wird noch hunderttausende von Jahren eine Gefahr sein. Ohne sichere Endlagerstätte ist es unverantwortlich, weiter Atomenergie zu erzeugen. Und gemessen an der Zeitspanne ist mir unerklärlich, wie eine sichere Endlagerstätte aussehen soll.
Mit jedem Jahrzehnt ändern sich die Gefahren die Anzahl der von uns unvorhersehbaren Risiken steigt.
In einer idealen Laborumgebung haben wir die Kernenergie im Griff. Da gibt es nichts Unvorhersehbares.
Ich hielte es an Ihrer Stelle für unerträglich, wenn Sie als Bundeskanzlerin, die ihre Diplomarbeit zum einem Thema aus der Statistischen und Chemischen Physik von Systemen der Isotopen- und Strahlenforschung geschrieben hat, eines Tages höchstens als Kanzlerin des “Ausstiegs aus dem Atomausstieg” in den Geschichtsbüchern erwähnt wird.

1998 waren Sie Ministerin unter Helmut Kohl und weisungsgebunden. Heute ist das anders. Heute geben Sie die Richtung der Regierungspolitik vor. Sie haben die Macht, mit dem Atomausstieg Ernst zu machen. Haben Sie Angst vor den Energiekonzernen? Sie sollten eher Angst vor uns Wählern haben, denn E.ON, EnBW und Vattenfall sind nicht wahlberechtigt. Oder haben die Konzerne Macht über Sie – die Macht, Sie aus dem Kanzleramt zu vertreiben? Diese Macht haben wir auch!

Durch den Multi-GAU in Japan wird Menschen – Wählerinnen und Wählern – in ganz Europa wieder klar, welches Risiko Kernenergie darstellt. Wir in Deutschland sind von den Atomstaaten mit dem Ausstieg am weitesten. Das Moratorium der Laufzeitverlängerung wird in Europa schon als richtiger Schritt propagiert.
Wäre es für eine Diplomphysikerin nicht viel erstrebenswerter, am Ende diejenige zu sein, die Deutschland als Zugpferd für ganz Europa in ein neues Energie-Zeitalter geführt hat?

UPDATE 9.6.2011: Ein wenig grinsen musste ich eben doch. Was sagte Frau Merkel gestern?

“Ich habe für mich eine neue Bewertung vorgenommen”, sagte die gelernte Physikerin. Es gehe um die Verlässlichkeit von Risikoannahmen und Wahrscheinlichkeitsanalysen. Selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan seien die Risiken der Kernenergie nicht beherrschbar. “Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert”, sagte Merkel.
[…]
Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen.”
Quelle: Focus

Und jetzt bitte schnell vollendete Tatsachen schaffen.

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