Was macht eigentlich… AIDS?

Es war einen Tag nach meinem 16. Geburtstag, als die WHO AIDS offiziell als eigenständige Krankheit einordnete. Der erste nachvollziehbare Patient war Gaëtan Dugas. Seine Bezeichnung als “Patient Zero” ist zwar nicht unumstritten, dennoch kann anhand seiner Reisen und Sexualkontakte bis ein bis heute gültiges Szenario gezeigt werden, wie sich die Infektion verbreiten kann.
Während meiner Pubertät war AIDS ein sehr wichtiges Thema und sorgte für Veränderungen in der sexuellen Aufklärung. War es seit den 1960ern ausreichend, dass die Frau die Pille nimmt, um beim Geschlechtsverkehr vor den gravierendsten “Folgen” geschützt zu sein, wendete sich das Blatt, nachdem die Infektionswege des HIV, des human immunodeficiency virus, bekannt waren.
Condome erlebten als einziger wirksamer Schutz bei mehr oder weniger spontanen Sexualkontakten eine Renaissance, Vorurteile gegen Homosexuelle bekamen neuen Brennstoff und so mancher Kirchenvertreter wünschte sich sogar, dass das HIV von Gott geschickt sei, um diese (sündigen) Homosexuellen endlich mal auszurotten.
Infizierte Patienten wurden ausgegrenzt: Wer AIDS hat ist sowieso schwul und man weiss ja noch gar nicht, ob sich das Zeug nicht doch per Händedruck überträgt.
Am 1. Dezember wird AIDS als eigenständig definierte Krankheit 30 Jahre alt. Während man in den 1980ern und frühen 1990ern relativ bewusst und konsequent mit dem Problem umging, scheint das länger als eine Generation zum Alltag gehörende Risiko heute verdrängt zu sein.
Gelegentlich schwappen mal Schlagzeilen hoch, wenn Prominente trotz HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr haben und (nicht zu unrecht) deswegen verurteilt werden. Aber ansonsten gibt es weniger AIDS-Tote als früher, denn an AIDS stirbt man (bei uns) nicht mehr.
Passend zur geringeren Vorsorge gegen die Infektion gibt es tatsächlich einen tendenziellen Anstieg an HIV-Infektionen in den letzten Jahren. Das Robert Koch Institut zeigt im Epidemiologischen Bulletin vom 22.11.2010, dass die Infektionsrate zwar ihren Gipfel ungefähr 1985 mit über 6000 Infektionen hatte, sich aber aber auch heute noch in Deutschland jedes Jahr rund 3000 Menschen mit dem Virus infizieren – davon 2.700 durch ungeschützte Sexualkontakte:
HIV Inzidenzen 2010, Epidemiologischer Bericht des Robert Koch Instituts
(Quelle: Robert Koch Institut 2010)
Sicherlich führen in dieser Statistik mehrere Faktoren zum Anstieg der Inzidenz – Inzidenz bedeutet ja nicht, dass soundsoviele Infektionen stattgefunden haben, sondern dass diese nachgewiesen wurden. Hans Jäger vom Kuratorium für Immunschwäche in München sagte der SZ hierzu:

Drei Faktoren. Zum Ersten ist die anonyme statistische Erfassung verbessert worden – es werden einfach mehr Infizierte registriert als bisher. Zum Zweiten findet das Testangebot niedrigschwelliger statt, man kann sich heute sogar auf schwulen Straßenfesten testen lassen, und auch das treibt die Zahlen in die Höhe. Von etwa der Hälfte der Neuansteckungen wissen wir also nur wegen der verbesserten Erkennungsmethoden. Der dritte Faktor: Es stecken sich tatsächlich mehr Menschen an als bisher.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Leider spielt Jäger die Folgen einer HIV-Infektion (in meinen Augen) herunter, rechtfertigt dadurch Menschen, dei es mit der Prävention nicht so ernst meinen. Und Prävention tut Not.
HIV-Patienten sterben zwar nicht mehr binnen 10-15 jahren qualvoll, aber sie werden immernoch ausgegrenzt. Medikamente schränken sie in ihrem täglichen Leben ebenso ein, wie die verbleibenden Symptome, psychische Probleme drohen, Beziehungen, ganze Leben zerbrechen an der Infektion – das wird oft verdrängt.
Tatächlich können wir alle beobachten, dass AIDS-Prävention weniger Gewicht hat, als früher. Das beginnt bei den ersten Sexualkontakten – die Süddeutsche berichtete schon 2006 von der steigenden Zahl an Teenager-Schwangerschaften, die bei angemessener AIDS-Prävention nicht auftreten dürften.
Aber auch Erwachsene werden leichtsinniger, sogar Erwachsene, die wie ich in den von AIDS geprägten 1980ern “sexuell erwachten”.
Dieser Leichtsinn kann durchaus daran liegen, dass (plakativ gesagt) irgendwann ab Mitte 30 bei Männern wie Frauen nach langen Beziehungen die Midlife Crisis kommt, Beziehungen daran zerbrechen und man nach 10 oder gar 20 Jahren mit demselben Partner und ohne Notwendigkeit einer HIV-Prophylaxe das Thema etwas aus dem Auge verloren hat. Wenn in der folgenden Selbstfindungsphase dann einige kurze Beziehungen oder One Night Stands zum Lebenslauf eines Menschen hinzukommen, dann ist es (zugegeben) schwierig, konsequent und diszipliniert zu sein. Alleine, dass man natürlich Condome dabei haben muss, um sie benutzten zu können, ist manchmal ein Problem.
Doch auch die Einschätzung des neuen Partners kann von der rosaroten Sonnenbrille des Verliebtseins geprägt sein. Sicherlich, das eigene Risiko vermag man einzuschätzen. Man ist nicht fremd gegangen, hat keine Blutkonserven oder Gerinnungsmittel erhalten und Spritzen bekommen man sowieso selten.
Aber wie ist das mit dem eigenen Ex-Partner?
Niemand kann einem Menschen hinter die Stirn blicken, und in 10 oder 20 Jahren Beziehung kann einiges passiert sein. Vielleicht verdängt man das Rumdrucksen, als der Partner oder die Partnerin mal später nach Hause kam. Vielleicht erinnert man sich nicht mehr an die mehrmaligen komischen Anrufe nach der Dienstreise des oder der Liebsten, wo jemand auflegte, als man an das Telefon ging.
Und gerade, wenn eine Beziehung auseinanderbricht, kommt der letzte Anstoß nur allzu oft aus einer Affaire, die einer der Partner hatte und die ihm zeigte, was in der Beziehung fehlt.
Ich würde es mir persönlich nie verzeihen, wenn ich irgendjemand mit HIV infiziert hätte, und so wird es den meisten anderen Menschen auch gehen. Insofern ist der eigene HIV-Test schon obligatorisch.
Aber selbst, wenn ich getestet bin oder als Blutspender recht sicher weiss, dass ich keine HIV-Infektion habe – wie ist das mit der neuen Partnerin oder dem neuen Partner?
Kann ich ihr oder ihm wirklich glauben, dass seit der Trennung nichts sexuelles lief? Kann ich erkennen, ob mir vielleicht die eine oder andere heisse Affaire verschwiegen wird aus Angst, ich würde diese Vergangenheit nicht akzeptieren?
Und dann der Ex-Partner des neuen Partners. Kann ich sicher sein, dass meine neue Liebste, mein neuer Liebster die letzten Jahre oder Jahrzehnte richtig in Erinnerung hat und das Rumdrucksen nach den dubiosen Überstunden oder die komischen Anrufe nach der Dienstreise nicht verdrängt?
Ein HIV-Test beim Hausarzt kostet im Höchstfall 30 EUR, die Gesundheitsämter bieten ihn aus Präventionsgründen gratis an. Ich empfehle der Test bei den Gesundheitsämtern, er ist meist anonym und beide Partner können gleichzeitig getestet werden, ebenso wird das Ergebnis beiden gemeinsam mitgeteilt.
Soviel Vertrauen muss sein, wenn eine Beziehung Zukunft haben soll.

Der HIV-Test muss sein, da gilt keine Ausrede.

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2 thoughts on “Was macht eigentlich… AIDS?

  1. Gunilla Post author

    Wenn man mit einem Menschen sexuellen Kontakt hat, hat man diesen auch mit seiner kompletten (!) Vergangenheit. Das muss man sich mal klarmachen. Und die Vergangenheit des Gegenübers hatte ja auch Vergangenheiten. Insofern ist hier die Frage des “Vertrauens” gar nicht zu stellen. Dein letzter Satz ist somit der wichtigste!

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  2. vk Post author

    Ja, das stimmt. In den 1990ern gabs auch mal einen TV-Spot dazu, wo das Päärchen wollte und sie diskutierten, ob ein Gummi nötig sei, und um das Risiko zu visualisieren zeigten sie deren (je 2) bisherige Partner, dann deren bisherige Partner usw. bis die Menge sehr schnell sehr unüberschaubar wurde.
    In der Recherche für den Post hab ich einigen nichtzitierbaren Schwachfug gefunden, z.B. dass das Infektionsrisiko während der Menstruation am geringsten sei – einmal sowieso Quark, und nach einigen eher theoretischen Überlegungen ist das Risiko dann für den Mann sogar am größten.
    Ich stell den letzten Satz (der auch für mich der Punkt war) mal grafisch raus 😉

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