Sterbehilfe in der Zeitungskrise

oder: Wie Verleger ihre Produkte in den Suizid treiben.
Dass das Leistungsschutzrecht vom Bundestag beschlossen werden soll – das hat wohl inzwischen jeder verstanden. Wer sich etwas im Netz auskennt sieht, wie absurd die Forderungen bei Tageslicht besehen sind. Die offiziellen Begründungen hat Dennis Horn von 1LIVE zusammengefasst.
Allen Pro-Argumenten haftet eine gewisse Unschärfe an.

Was kommerzielle Newsaggregatoren tun, ist schlicht systematisches Kopieren. Ich finde es deshalb völlig in Ordnung, gegen dieses Copy-Paste-Prinzip zentral vorgehen zu können, das also den Verlegern zu überlassen.
Alex Nieschwietz

Es ist kein Copy&Paste um des Kopierens Willen. Google & Co machen Inhalte des Netzes erst auffindbar. Dazu haben sie in Hard- und Software investiert, um ständig Webseiten zu scannen. Als gewinnorientierte Unternehmen müssen sie auch Einnahmen generieren – das machen sie mit Annoncen.
Früher bin ich morgens an den Zeitungskiosk gegangen und hab die Aufmacher auf den Titelseiten der Tagespresse gesehen. Wenn mich eine Headline angesprochen hat, kaufte ich die Zeitung, wenn nicht, dann halt nicht. Informiert war ich über die aktuellen Themen des Tages, wiel ich ganz kostenlos die Headlines gesehen hatte. Wollten Zeitungen je dem Kioskbesitzer vorschreiben, dass er einen Zehnten von den Einnahmen, die er durch Brötchen, Kaffee, Zigaretten und Schokoriegel generiert, an sie abführt? Schließlich verdiente er ja auch an Kunden wie mir, die am Ende meist gar keine Zeitung kauften.
Was Google & Co da machen ist erstmal eine Dienstleistung sowohl für uns als Konsumenten als auch für die Inhalteanbieter wie Tageszeitungen. Google bringt uns erst zusammen.

Das ist der Kern meines Problems: Google verdient an fremdem Inhalt. Wieso sollte das fair sein?
Alex Nieschwietz

Ganz einfach: Google verdient nicht an, sondern mit fremden Inhalten, weil Google uns auf diese Inhalte hinweist. Dadurch werden auch die fremden Inhalte beschenkt: Weil wir sie anklicken und dort Traffic und Conversions verursachen. Das ist die Dienstleistung, für die Google sich durch Werbeeinnahmen entlohnen lässt. Wer sich da ausschließt wird untergehen.
Viele Klicks auf eine Website bedeuten viele Leser des Artikels, mehr Leser bedeuten für die Zeitung mehr Werbeeinnahmen.
Früher – in den 1980ern und frühen 1990ern – war es so, dass ich eine örtliche Tageszeitung abonniert hatte. Die las ich morgens und war informiert. Die Journalisten haben z.B. im Wirtschafts- und Politikteil eine Auswahl an Themen getroffen, aus Pressemeldungen und Hintergrundinformationen eine Analyse erstellt.
Im Lokalteil bekam ich Informationen zu Stadt und Stadtteil, und ich hab sogar den Lokalsport gelesen, weil ich dort Berichte über meinen Ruderverein, in dem ich zu Schulzeiten Mitglied war, und der Konkurrenz, finden konnte.
Anhand des Lokalsports und der Links auf die Sportvereine ist der Wandel durch das Internet ganz deutlich sichtbar: Die gedruckte Zeitung als reiner Informationsmittler hat ausgedient. Seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Personen, Firmen, Parteien und Vereine, über deren Umtriebe berichtet wurde, haben eigene Homepages.
Dazu brauchen wir nichteinmal Bürgerjournalisten oder Lokalblogger, die mit minimalem Aufwand berichten, die Objekte der Berichterstattung machen das schon selber!
Social Media treiben es noch weiter: Unzählige Prominente wie Sportler, Schauspieler und Politiker nutzen Twitter, booten damit große Teile der (Klatsch-)Presse aus und gewinnen die Deutungshoheit über ihr Leben zurück (diese Liste will gar nicht vollständig sein, nicht alle Erwähnten twittern andauernd, aber sie alle melden sich dort, wenn sie etwas mitzuteilen haben).
Dazu kommt, dass gedruckte Zeitungen bei der aktuellen Beschleunigung der Medien einen immensen Vorlauf für die Veröffentlichung haben. Redaktionsschluss um 20:00 Uhr bedeutet, dass in der gedruckten Zeitung des nächsten Tages alle Ereignisse ab 20:01 fehlen. So hatte in Düsseldorf am 9. Oktober 1992 nur eine der beiden konkurrierenden Tageszeitungen den Tod von Willi Brandt als Schlagzeile zu vermelden – er verstarb am 8. Oktober erst nach Redaktionsschluss der anderen Zeitung.
Schon in den 1990ern lästerte ich über Tageszeitungen, dass sich in den Wirtschafts- und Politikteilen im Laufe der Woche das fand, was der SPIEGEL schon am Montag gebracht hatte. Der SPIEGEL als Wochenmagazin hat schon lange die Macht, der Tagespresse Themen vorzugeben, indem er sie am Montag in die Diskussion warf. Und auch der gedruckte SPIEGEL baut massiv ab im Rennen um Käufer.
In der digitalen Medienrevolution haben die gedruckten Tageszeitungen das Wettrennen um die Aktualität von Informationsvermittlung endgültig verloren. Und auch Tageszeitungen mit Website (also faktisch alle) haben Bedenken, fertige Artikel sofort online zu publizieren und nicht bis zum Erscheinen der Printausgabe, wenigstens aber bis zum Redaktionsschluss zu warten.

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Tageszeitung in der klassischen Form ist bald tot. Ohne jede Diskussion.

Heutzutage sind wir per Smartphone, Tablet und PC schneller, globaler und umfassender über Tatsachen informiert, als Print es je konnte. Und statt sich anders zu orienieren, Kompetenzen herauszuarbeiten, sparen Tageszeitungen sich zu Tode. Fest angestelltes Personal wird reduziert, wo es nur geht, die Ticker von Presseagenturen einschließlich teilweise krasser und augenfälliger Fehler ungefiltert übernommen. Freie Mitarbeiter bekommen Hungerlöhne für den totalen Ausverkauf der Rechte an ihren Texten.
So wird keine Qualität erzeugt, keine Kompetenz gezeigt.
Und genau da fängt das Problem, das zur Forderung eines Leistungsschutzrechts führt, an.
Wenn ich mich heute über das, was in der Welt geschieht, informieren will, nutze ich das Internet. Nicht mehr die – lokale – Tageszeitung. Im Internet finde ich tendenziell alle Publikationen wieder. Aber wie orientiere ich mich?
Natürlich haben viele ihre Anlaufstellen. SPIEGEL ONLINE ist hier das Musterbeispiel. Aber schon aus Gründen der Übersichtlichkeit kann dort nicht alles abgedeckt sein.
Also nutze ich Newsaggregatoren, um zu bestimmten Themen infomiert zu werden. Mein alter täglicher Lokalteil der Lokalzeitung heißt heute news.google.de.
Bezogen auf Tönsivorst sieht man den Wettbewerb von Rheinscher Post und Westdeutscher Zeitung: Beide berichten lokal über dieselben lokalen Themen. Welchen Artikel klicke ich an?

Google News bedient sich bei Teasertexten von Nachrichtenmeldungen. Teasertexte sind aber keine irrelevanten drei bis vier Sätze. Sie sind meiner Meinung nach die Essenz des Onlinejournalismus: Sie entscheiden darüber, ob ein Nutzer auf einen Text klickt oder nicht. Egal, wie toll der Artikel recherchiert, geschrieben oder bebildert ist: Das alles ist völlig egal, wenn der Teaser langweilig ist. Der Teaser ist eine der wichtigsten kreativen Leistungen des Onlinejournalisten.
Alex Nieschwietz

Genau: Ich klicke nur Artikel an, die der Teasertext als für mich relevant erscheinen lässt. Das gilt bei lokalen Themen genauso wie bei Themen der Weltpolitik. Und führt dazu, dass der frühere Abonnent des Kölner Stadtanzeigers sich Wirtschaftsnachrichten per Google News aus Angeboten der Konkurrenz zusammen klickt, die einfach in dieser Sparte besser sind.
Den Informationskramladen, den Zeitungen bis in die 1990er dargestellt haben, braucht heute niemand mehr. Das Betanken von Zeitungsrubriken aus Agenturmeldungen ist überflüssig, Analyse und Reflexion der Informationen sind die Ware, die auf Newsaggregatoren gehandelt wird.
Da halten nur noch die Medien mit, die Qualität liefern. Qualität liefert man aber nur mit qualifiziertem und motivierten Journalisten in den Redaktionen und in der Adressliste freier Mitarbeiter.

tl;dr Wer ernsthaft ein Leistungsschutzrecht will ignoriert die digitale Medienrevlution und schlägt den Weg zum wirtschaftlichen Suizid ein. Überleben werden spezialisierte Medien mit hochwertiger Analyse und Reflexion.

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