Hier, so’n Lied oder so. Kennta? Kennta?

Deutsche Songtexte sind mir ein Graus. Nur wenige MusikerInnen schaffen es, so zu texten, dass sie an gute englischsprachige Texte auch nur annähernd ran kommen. Manche Texte sind sogar haarsträubend.

Besonders schlimm finde ich manche Rapsongs, aber um die geht es nicht. Die Sportfreunde Stiller sind da, obwohl sie nicht rappen, ein absolutes Highlight. In “New York, Rio, Rosenheim” geht es gleich in den ersten Zeilen los:

Wir strahl’n wie ein Reaktor
nach nem Pilzrisotto

Hä?!? Ein Reaktor strahlt nach einem Pilzrisotto? Wenn nicht andere das gleiche hören (und konsequent fast richtig aufschreiben) würden, ich würde schleunigst einen Hörtest machen. Der Gedanke, dass es sich um einen per Google Translate aus dem Lampukischen übersetzten Songtext handelt, drängt sich auf.

Unsere Liebe wankt nicht
wie die Partei im Wahlkampflotto

Das klingt schon verdammt nach “Reim Dich oder ich fress Dich” und macht es nicht wirklich besser.

Dieser Song diente als Beispiel für einen augenscheinlich schlechten Text. Man kann aber auch auf ganz subtile Art schlecht dichten.

Ich ging wie ein Ägypter, hab mit Tauben geweint
war ein Voodoo-Kind, wie ein rollender Stein.
Im Dornenwald sang Maria für mich
Ich starb in deinen Armen, Bochum ’84

So fängt “Lieder” von Adel Tawil an. Dass man sich auf andere Werke bezieht ist normal. “Major Tom” von Peter Schilling erzählt sogar die Geschichte aus David Bowies Klassiker “Space Oddity” neu. Adel Tawil packt aber in jeder Zeile seines Songs Anspielungen auf Hits, die uns alle schon Gänsehaut verschafft haben.

Anspielungen? Nein, er reiht ihre Titel, wörtlich übersetzt, tumb an einander. Das ist definitiv keine Lyrik. Ich sehe sogar einen Mario Barth vor mir, der verschwörerisch blinzelnd mit “Kennta? Kennta?” nochmal darauf hinweist, dass hier was sein könnte, was man wiedererkennt.

Im Refrain kommt dann zun den ohnehin kaum übersehbaren Songtiteln noch der Name einiger Interpreten dazu:

Und ich singe diese Lieder
Tanz’ mit Tränen in den Augen
Bowie war für’n Tag mein Held
Und EMF kann es nich’ glauben
Und ich steh’ im lila Regen
Ich will ein Feuerstarter sein
Whitney wird mich immer lieben
Und Michael lässt mich nich’ allein

Ein-, vielleicht eineinhalbmal hat das bei mir den Gänsehauteffekt der Songs hervorgerufen. Welche das sind hat Radio FFH ganz stolz ins Netz gestellt,

Dabei gibt es tatsächlich einen Song mit einem absolut lyrischen Text, der seit 1971 immer wieder zu Gänsehaut führt, obwohl auch er scheinbar nichts anderes macht, als Songs und Interpreten zu erwähnen.

Der Unterschied: Don McLean, der den Song geschrieben hat, verschlüsselt die Andeutungen. Sein Song “American Pie” ist vermutlich der Song mit den meisten Diskussionen über über die Bedeutung des Textes überhaupt:

Now, for ten years we’ve been on our own
And moss grows fat on a rolling stone
But, that’s not how it used to be
When the jester sang for the king and queen
In a coat he borrowed from James Dean
And a voice that came from you and me
Oh and while the king was looking down
The jester stole his thorny crown
The courtroom was adjourned
No verdict was returned
And while Lennon read a book on Marx
The quartet practiced in the park
And we sang dirges in the dark
The day the music died

Don McLean verrät nicht, wen er da im Detail meint. Allgemein geht man davon aus, dass mit The King Elvis Presley gemeint ist, mit The Queen Connie Francis, The Jester soll Bob Dylan sein und The Quartet die Beatles.

Was McLean alles in Metaphern und Wortspiele verpackt dort untergebracht und in einen Zusammenhang gesetzt hat, der beim Song von Adel Tawil vollkommen fehlt, kann man hier oder hier nachlesen, wenn man viel Zeit mitbringt. Adel Tawil erzählt hingegen, welche Songs seit seiner Kindheit so alle in den Charts waren und dass er dann irgendwann Annette Humpe kennen gelernt und mit ihr Musik gemacht hat (Verkürzungen möglich).

Zum Glück wird American Pie immer wieder von großen Stars gecovert werden (zuletzt von Madonna) und noch lange zu Spekulationen und Interpretationen anregen. “Lieder” wird hingegen irgendwann verschwunden sein. Was ich schade finde, denn musikalisch ist es Ok und Adel Tawil ist ein begnadeter Sänger.

Nur der Text halt.

 

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