Das Internet ist nicht kaputt, aber psst, verratet es der FAZ nicht

Seit gestern ist der Feuilleton-Betrag von Sascha Lobo auch online, in dem er behauptet, das Internet sei kaputt und das sei die digitale Kränkung der Menschheit. Und alle so: Hä?

Dabei finde ich, dass er recht hat. Auf eine Weise.

Nicht auf die Weise der Internetbewohner. Für uns ist das Netz ein Kommunikationsmittel und nicht deshalb kaputt, weil NSA, GHCQ und wer noch alles wissen wollen, was wir darin so anstellen. Hätten wir nicht das Internet sondern andere Kommunikationsmittel, dann würden wir vielleicht weniger (schnell) kommunizieren und die NSA hätte weniger mitzuschreiben.

Aber mitschreiben würde sie, weil sie es schon immer konnte und gemacht hat.

Sehen wir Saschas Artikel mal aus der Sicht des Rezipienten. Der kluge Kopf sitzt ja eben nicht hinter einem iPad oder mit seinem seinem Smartphone auf der Bank, sondern er liest die FAZ. Die Papierausgabe. Und er liest gefühlt selbst dann die Papierausgabe der FAZ, wenn er diese auf dem PC oder dem iPad aufruft.

Die FAZ ist seine Filterbubble.

Ihm ist vielleicht gar nicht klar, dass sein PC nicht nur dann “ins Internet” geht, wenn er selber den Browser aufruft oder mit Outlook Mails abruft. Vielleicht ist ihm nicht einmal klar, dass er mit Outlook ja auch “ins Internet geht”. Er weiß nicht, wie oft am Tag sein Windows oder OSX nach Hause telefonieren und dort nach Updates schauen.

Er weiß nicht, dass sein Telefon nicht erst, seit er den neuen Anschluss hat, auch “über das Internet geht”. Dass sein Smart-TV das WLAN-Passwort nicht allein deshalb wissen wollte, damit er darauf auch mal einen Browser öffnen kann. Und dass seine HD-Kabelfernsehbox eben keine analogen Signale mehr empfängt, sondern die gleichen IP-Pakete wie der PC im Büro weiß er auch nicht.

Ihm ist vielleicht nicht bewusst, dass die Arztpraxis seine Gesundheitskarte in ein Gerät steckt, das am Ende Daten über das Internet abgleicht und sein Navi regelmäßig Standort- und Geschwindigkeitsangaben per mobilem Internet nach Hause meldet, damit dort Verkehrsstörungen erkannt werden, noch bevor sie im Radio landen.

Und dass morgen sein Stromzähler und übermorgen sein Kühlschrank auch über dieses Internet kommunizieren.

Ihm ist nicht bewusst – und die Politik arbeitet auch hart daran, dass das so bleibt – dass dieses Internet nicht nur was mit Facebookparties, Tauschbörsen und Pornos zu tun hat, sondern, dass unser aller Alltag mehr oder weniger durchdrungen ist von der universellen Kommunikationsinfrastruktur, die das Netz uns bietet. Nein: Nicht “mehr oder weniger”, eher zunehmend vollständig.

Abgesehen von den Scheinen im Portemonnaie ist Geld bloß eine Zahl auf ein paar Servern, von denen niemand weiß, wo sie stehen, ähnlich verhält es sich mit Patientenakten, Konsum- und Finanzamtsdaten, digitale Ströme regeln die Welt. Auch der handkalligraphierte Brief auf selbstgeschöpftem Papier findet sein Ziel nur, weil er maschinengesteuert den Datenflüssen folgt. In den Vereinigten Staaten lassen die Behörden jeden Brief abfotografieren. In Deutschland tut das die Post auch, aus technischen Gründen, inklusive einer Kooperation mit den amerikanischen Behörden.

Und dass es daher unser aller Problem ist, wenn NSA, GHCQ & Co das Internet abhören – denn sie hören damit jeden von uns ab.

Vielleicht ist die steile These des kaputten Internets und der digitalen Kränkung der Menschheit etwas zu steil.

Aber vielleicht ist sie endlich steil genug, um den LeserInnen der FAZ zu zeigen, dass es um mehr geht als einen digitalen Abenteuerspielplatz, der abgerissen wird, damit ein Einkaufszentrum gebaut werden kann. Sascha schreibt

Die Kränkung der Wirtschaft besteht in der Aushöhlung ihrer Erfolgsversprechen. Leistung! Geistiges Eigentum! Innovation! Deren Essenz ist ein Wissensvorsprung, und diesen vermeintlichen Vorteil hat die Spähmaschinerie in den luftleeren Raum der Unsicherheit befördert. Zum gesetzlichen Auftrag der britischen Geheimdienste gehört explizit das „economic well-being“ der heimischen Wirtschaft, auch die US-Dienste bekennen sich zur „Sammlung von Wirtschaftsinformationen“.

Genau das ist ein Argument, das in konservativen Kreisen ziehen kann. Persönliche Freiheit? Sicherheit ist ja wohl wichtiger. Wer nichts zu verbergen hat, der muss auch nichts befürchten.

Aber Wirtschaftsspionage – ist das nicht genau das Reizwort, das konservative LeserInnen auf einen empfindlichen Nerv treffen kann?

Das uns bewusste, eigentliche Problem beschreibt Thomas Stadler so:

Es geht in Wirklichkeit also um rechtsstaatliche Defizite und die lassen sich weder mit einem neuen Internetoptimismus noch mit digitaler Selbstverteidigung (Verschlüsselung) überwinden, was nicht bedeutet, dass beides nicht sinnvoll und notwendig ist. Es ist eine Herkulesaufgabe aller Demokraten – nicht nur der Netzgemeinde – auf mehr Transparenz hinzuarbeiten und das System Geheimdienste zurückzudrängen und insgesamt in Frage zu stellen. Das ist die Aufgabe, die vor uns steht und sie wird essentiell für den Fortbestand unserer demokratischen Gesellschaften sein. Und es ist dies nolens volens die Aufgabe der Zivilgesellschaft, weil zumindest vorerst von der Politik keine Unterstützung zu erwarten ist.

Und – schlagt mich tot – genau das sagt Sascha Lobo auch und zwar ohne es auszusprechen. Indem er Angela Merkel als Opfer darstellt und ihr so zumindest die theoretische Chance zu einer “Überwachungswende” gibt:

Eine perverse Situation, in der man als Staatsbürger hoffen muss, dass Merkel am Handy nie etwas sagte, was sie erpressbar macht. In dunklen Momenten bleibt ein Zweifel: Was, wenn Merkels Beschwichtigungen des Spähskandals so zustande gekommen wären?

Ich habe die Hoffnung, dass Überwachungsignoranten sich endlich gemeint fühlen und das Verhalten der Regierung an ihrer eigenen Gemeint- und Betroffenheit messen.

Und bewerten.

Und daraus Konsequenzen ziehen.

 

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5 thoughts on “Das Internet ist nicht kaputt, aber psst, verratet es der FAZ nicht

  1. Alexander

    Sehr guter Artikel. Ein wichtiger Punkt, der mich auch seit längerem beschäftigt ist die immer schwieriger werdende Wahrnehmung dessen, was Internet ist. Für Nichtbewohner der Netzgemeinde ist dies – wie Du auch beschreibst – kaum mehr zu begreifen. Und mangels Erkenntnis wird es auch schwierig, Bedrohungen zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen.

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  2. vk Post author

    Danke 😉
    Lustigerweise hat Michel Reimon gerade zum Thema gebloggt, wie man seine Zielgruppe erreichen kann und was für Probleme z.b. der ernährungsästhetische Aspekt des “Chlorhuhns” als Aufhänger zur Kritik am Freihandelsabkommen haben kann: http://www.reimon.net/2014/01/15/das-chlorhuhn/
    In unserem Fall ist das hoffentlich anders.

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  3. Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 3 in 2014 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2014

  4. Eric

    Ein wirklich herrlicher Text, auf den ich via Blogboxapp gestolpert bin.

    Auch wenn wir “Onliner” es fast nicht verstehen können, es gibt immernoch viele Menschen für die ist das Internet nur eine Spielerei und wenn wird damit nur Computer – Computer verbunden und evtl mal ein Smartphone. Das aber die OnlineWelt immer mehr in unsere “offline” Welt eindringt, merken die wenigsten. Aber es gibt ja jetzt bereits Glühbirnen die ein WLan chip haben, oder das es blumentöpfe gibt die den besitzer informieren wenn die blumen zu wenig wasser haben – das sind für viele nur spielerei. aber das die autos, der kühlschrank oder der wasserhahn bald miteinander vernetzt sind, dauert zwar nicht mehr lange, ist aber für viele noch sci-fi

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  5. Pingback: Der Party-Nihilist @NeinQuarterly auf der #rp15 | Alles ist wahr.

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