Auf die üblichen Verdächtigen mal wieder.

Ich muss mal mit Peter Mühlbauer schimpfen, ja, dem Peter Mühlbauer von telepolis. Manchmal sind Themen vermutlich so wohlfeil, dass man sie nicht mehr sauber recherchiert.

Es geht um die Sache mit den Hirnschäden durch vegane Ernährung. Wer vegan lebt, hat weniger Quellen für Vitamin B12, als der “Normalköstler”.

Dadurch stellt sich bei ihnen häufig ein Mangel an Eisen, Zink, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin B12 ein. Der Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) zufolge leiden beispielsweise bis zu 83 Prozent der Veganer an einen B12-Mangel.

Leider bleibt Peter Mühlbauer uns die Quelle dieser DGE-Aussage schuldig. Ich hätte sie gerne nachgelesen und mich vermutlich gut amüsiert. Die DGE wird zwar zu 70% von der öffentlichen Hand finanziert, ist aber dennoch nicht völlig objektiv. Das 2009 verstorbene DGE-Präsidiumsmitglied Dr. Volker Pudel zum Beispiel wurde wegen eines von ihm propagierten Diätprogramms mit extrem fettarmer Nahrung kritisiert. Nicht nur von Ernährungswissenschaftlern, die sicherlich von Ernährungsphysiologie mehr Ahnung haben, als der Psychologe Pudel, auch

Verbraucherschützer kritisieren die Verknüpfung des Slimnet-Diätprogramms mit dem Verkauf kommerzieller Diätprodukte (“Delemi”).

Witzigerweise schrieb er Jahre vor seiner Läuterung zum “Fettarm-Papst” tatsächlich einen Text für eine Image-Broschüre von McDonalds:

Den Höhepunkt fragwürdiger Ernährungsempfehlungen erreicht die DGE Jahrzehnte später, als 1993 ihr damaliger Präsident, Volker Pudel, öffentlich für die Fast-Food-Kette McDonald’s wirbt. Im Vorwort einer Broschüre von McDonald’s schreibt er: „Fast-Food-Restaurants sind exakt auf die Bedürfnisse des modernen Essens eingestellt: angemessene Portionen zur richtigen Zeit. Sie bieten Esslust und bei richtiger Kombination der Menüauswahl auch ausreichend Nährstoffe, um fit und leistungsfähig zu bleiben.

Quelle: Jörg M. Melzer in Vollwerternährung (Medizin, Gesellschaft Und Geschichte – Beihefte (Medgg-B)) Seite 300, auch bei Google Books

Aussagen der DGE rechne ich daher gerne mal nach.

Was macht Peter Mühlbauer? Er googlet nach dem B12-Mangel und verlinkt den Artikel ausgerechnet auf eine offensichtliche Landing Page zum Thema, die von der ever-growing UHG betrieben wird, einer Internetmarketing-Agentur. Lebenszweck der – Sorry – hingepfuschten Website ist der Vertrieb eines bestimmt top seriösen E-Books zum Thema B12-Mangel, genauso wie auf den von derselben Agentur betriebenen www.teichschlammsauger-test.de ein qualifizierter Testbericht zu Teichschlammsaugern gekauft werden kann.

So einen Link kann man setzen, er wertet einen Artikel (und die Recherche) aber nicht unbedingt auf.

Was ist also dieses B12 eigentlich? Was macht es?

Vitamin B12 ist ein Cobalamin.

Vereinfachend zusammengefasst ist Vitamin B12 wichtig für die Zellteilung und Blutbildung sowie die Funktion des Nervensystems.

(Wikipedia)

Damit hätten wir schonmal einen Beleg, dass es irgendwas mit dem Nervensystem zu tun hat. Wo kommt es her?

Der menschliche und tierische Organismus sowie Pflanzen sind nicht in der Lage, Vitamin B12 selbst herzustellen. Vitamin B12 wird in der Natur von Mikroorganismen – insbesondere Bakterien – produziert,[15] die als Symbionten sowohl im Verdauungstrakt von Tieren als auch auf der Oberfläche pflanzlicher Wirte (z.B. Leguminosen) vorkommen.[16]

[…]

Man nimmt an, dass Pflanzenfresser den Hauptteil ihres Bedarfes über eine Symbiose mit Mikroorganismen ihrer Darmflora decken. Auch beim Menschen kommen Mikroorganismen im Darm vor, die Vitamin B12 produzieren. Allerdings erfolgt die Synthese vor allem im Dickdarm, während die Absorption nur im terminalen Ileum, also kurz vor dem Dickdarm erfolgen kann. Und so wird das im menschlichen Dickdarm gebildete Vitamin B12 ungenutzt ausgeschieden.[19]

Menschen müssen also anscheinend Cobalaminquellen haben, die tierischen Ursprungs sind. Dennoch schreibt auch Wikipedia von Cobalaminquellen im Pflanzenreich, nämlich diversen Algen. Tatsächlich wird B12 von recht allgegenwärtigen Bakterien erzeugt.

Weiterhin wird zur Resorption der für den Menschen geeigneten Cobalamine eine Substanz benötigt, die von den Belegzellen der Magenschleimhaut erzeugt wird: Der Intrinsische Faktor (IF). Die Menge an IF, die ein gesunder Mensch täglich erzeugt, reicht für die Resorption von 3µg (Mikrogramm, 1/1000000g). Mehr kann ein Mensch am Tag nicht oral aufnehmen.

Empfehlungen der DGE zu B12

Empfehlungen der DGE zu B12

Tatsächlich empfiehlt die DGE als Tagesdosis Vitamin B12 für Erwachsene 3µg, für Schwangere 3,5µg und für Stillende gar 4µg! Wenn man diese Empfehlungen als gegeben nimmt, leiden Stillende schon aus biologischen Gründen an einem Vitamin B12-Mangel!

Das US-Amerikanische National Institute of Health (NIH) sieht das schon entspannter.

Empfehlungen des NIH zu B12

Empfehlungen des NIH zu B12

Bürger der vereinigten Staaten brauchen ab dem 14. Lebensjahr nur 2,4µg, Schwangere sind mit 2,6µg und Stillende mit 2,8µg ausreichend versorgt.

Wie kommt es zu diesen Abweichungen?

Staatliche Stellen spielen gerne auf Sicherheit. Sie erhöhen die Dosis, um Schäden vorzubeugen. Die Dosis von 3µg versorgt auch auf die meisten Fälle von Resportions- oder anderen Störungen im B12-Stoffwechsel, denn tatsächlich wird Cobalamin andauernd in einem Kreislauf von der Leber ausgefiltert und über die Bauchspeicheldrüse wieder zur Resorption in den Darm gegeben. Die Menge des im Dünndarm resorbierten B12 ist daher weitaus höher als die 3 µg, die aufgenommen wurden. Zudem wird der IF über den Tag verteilt erzeugt, und alleine weil wir Nahrung in mehreren größeren Mahlzeiten aufnehmen werden die möglichen 3µg B12 pro Tag vermutlich nur in den seltensten Fällen erreicht.

Tatsächlich arbeitet aber die Natur schon mit Redundanzen. Wenn ein Lebewesen kritische Organe doppelt hat oder wichtige Substanzen auf Vorrat zu sich nehmen kann, erhöht sich die Chance, dass es zum Überleben seiner Art beiträgt – und nichts anderes zählt bei der Evolution. Daher sind die bis zu 3µg B12, die wir am Tag aufnehmen können, schon mehr als das, was wir aufnehmen müssen. Anders könnte der Körper keine Reserven für schlechte Zeiten aufbauen.

Claus Leitzmann, einer der bekanntesten und renommiertesten Ernährungswissenschaftler Deutschlands, zitiert beispielsweise in seinem Buch “Vegetarische Ernährung” Studien, die einen deutlich geringeren Bedarf an tatsächlich aufgenommenem B12 nahe legen:

Der tatsächliche Vitamin B12-Bedarf des Menschen liegt bei höchstens 1µg/d. Mit dieser Menge kann sogar bei bereits bestehendem Cobalamin-Mangel eine Stabilisierung […] erreicht werden. Herbert (1988) weist darauf hin, daß  sich bereits bei einer Zufuhr von 0,1µg/d Cobalamin-Mangelsymptome besserten. Mit einer effektiv resorbierten Menge von 0,2-0,25µg/d sind alle Funktionen aufrecht zu erhalten.

Quelle: Claus Leitzmann, Andreas Hahn, Vegetarische Ernährung, UTB 1996, Seite 177

Ein B12-Mangel liegt nach diesen Ergebnissen erst bei einer dauerhaften Aufnahme von weniger als 0,25µg pro Tag vor. Damit sind Resorptionsstörungen durch fehlenden IF, durch Störungen des Dünndarms oder einen Leberdefekt, der den Kreislauf des B12 behindert, freilich nicht abgedeckt. Diese würden bei veganer Ernährung daher schneller mit Symptomen zu Tage treten.

Auf jeden Fall sind auch Jahre andauernde Unterschreitungen der 3µg Tagesdosis kein Indiz für einen B12-Mangel, und schon gar nicht bei weit mehr als drei Viertel aller Veganer. Leitzman schreibt dazu:

Studien mit Veganern zeigen, daß auch sie mit 0,3-1,2µg/d geringe Mengen an Vitamin B12 aufnehmen. Der Ursprung dieser Aufnahme ist nicht immer bekannt.

Er führt dann verschiedene Gründe auf, aus denen versehentlich B12 aufgenommen wurde: vorgeblich vegane Backwaren, in die doch Ei geraten ist beispielsweise. Da die tatsächlich aufgenommene Menge zwar reicht, aber unklar ist, wo sie her kommt, empfiehlt er sicherheitshalber:

Veganern ist daher zu anzuraten, eine Vitamin-B12-Supplementierung zu erwägen, die, wie vielfach gezeigt, zu einer schnellen Erhöhung der Blutcobalaminspiegel führt.

a.a.o., Seite 180

Tatsächlich sind viele bei Veganern beliebte Nahrungsmittel schon seit Langem mit Vitamin B12 angereichert, zum Beispiel Soyamilch, aus der auch Tofu hergestellt wird. Obwohl ich vegetarische und vegane Ernährung seit über 15 in den Medien Jahren beobachte, ist mir keine Studie untergekommen, die auch nur behauptet, dass Veganer per se oder auch nur zu nennenswerten Anteilen einen B12-Mangel haben. Entsprechende Aussagen wurden stets mit den geringeren Aufnahmen an Cobalaminen und den Empfehlungen z.B. der DGE begründet – was, wie wir gesehen haben, nicht sonderlich stichhaltig ist.

Die von telepolis zitierten Studien, die wieder die neurologischen Effekte eines B12-Mangels darlegen, sind auch nur so mittelaussagekräftig.

Ja, tatsächlich ergab sich 2010, dass die Zufuhr von Vitamin B12 bei Demenzpatienten eine Besserung herbeiführte.

Participants were randomly assigned to two groups of equal size, one treated with folic acid (0.8 mg/d), vitamin B12 (0.5 mg/d) and vitamin B6 (20 mg/d), the other with placebo; treatment was for 24 months.

Quelle: Homocysteine-Lowering by B Vitamins Slows the Rate of Accelerated Brain Atrophy in Mild Cognitive Impairment: A Randomized Controlled Trial

Welche Menge B12 wurde den Teilnehmern dieser Studie neben anderen Substanzen verabreicht? Richtig, 0,5mg, also 500µg. Pro Tag. Die mehr als 150fache Menge der Empfehlungen der DGE. Da kein B12-Mangel erwähnt wurde, gehe ich davon aus, dass auch keiner vorlag

Und die eigentlich auslösende Studie Vitamin B12, cognition, and brain MRI measures von C.C. Tangney, PhD, N.T. Aggarwal, MD, H. Li, MS, R.S. Wilson, PhD, C. DeCarli, MD, D.A. Evans, MD and M.C. Morris, ScD sagt dem Abstract nach auch genau nichts zum Thema des Artikels aus. Sie sagt lediglich aus, dass der B12-Pegel im Blutserum in Verbindung mit der kognitiven Leistung der Probanden nahe legt, dass B12 diesen beeinflusst und eine Verringerung der kognitiven Fähigkeiten bei B12-Mangel nahe legt. Von Veganismus, Demenz oder gar Hirnschäden ist im Abstract nicht im Ansatz die Rede.

Sieht man die Aussagen von Leitzmann, stellt man fest, dass ein tatsächlicher Mangel von B12-Zufuhr bei Veganern nicht beobachtet werden kann, zumal die meisten sich ihrer Risiken bewusst sind und viele sogar supplementieren. Entsprechende vegan hergestellte Präparate gibt es für sehr kleines Geld zu kaufen.

Der Artikel hat also keine wirklich große Aussagekraft. Bis darauf, dass auch Profis mal bei der Recherche daneben greifen.

 

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2 thoughts on “Auf die üblichen Verdächtigen mal wieder.

  1. FB

    Was erwartest Du eigentlich von einem (normalen) Beitrag zu Telepolis? In der Bildzeitung erwarte ich auch nicht den Standart einer wissenschaftlichen Publikation 😉

    NB: Lt. Wikipedia ist Herr Leitzmann ebenfalls Mitglied in der DGE, insofern können die Zahlen nicht ganz so falsch sein.

    Offenbar gibt es ein mehr oder weniger großen Problem mit der Cobalamin-Verfügbarkeit in veganer Ernähung, selbst PETA hat dies in einem Artikel (mit Quellen) aufgeführt (http://www.peta.de/vitaminb12). Die benötigten Mengen sind allerdings relativ klein sind und man recht lange ohne Probleme aus seinem Depot leben kann.

    Was mich bei der ganzen Sache stört sind zwei Dinge.
    Einmal wird es als völlig OK und normal angesehen, dass man künstliche Nahrungsergänzungsmittel oder “funktional Food” zu sich nehmen muss.

    Zum anderen sehe ich die Probleme bei Kindern, die aufgrund des Alters evtl noch kein Depot an B12/Coblamin haben und bei denen dies (gem. Wikipedia zumindest) zur Entwicklung benötigt wird.

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    1. vk Post author

      Die Cobalamin-Verfügbarkeit in veganer Nahrung ist u.a. deshalb umstritten, weil ja am Ende die Resorption zählt. Nicht alle Cobalamine können resorbiert werden und manchmal sind in der Nahrung auch wieder Substanzen, die die Resorption verhindern. Oxalsäure glaub ich ist das bei Eisen, bei Cobalaminen gibts das auch. Die von Leitzmann zitierten Studien, die eine ausreichende Aufnahme bei Veganern konstatierten (wenn man die Sicherheitspuffer der DGE ausklammert jedenfalls) waren Studien, die die tatsächliche Resorption anhand des Blutserums ermittelt haben, also recht zuverlässig. Da man (wie ich ja auch schrieb) die Quelle der Cobalamine nicht kennt rät Leitzmann völlig zu recht zur Substitution.
      Damit meint er nicht ausdrücklich, B12-Pillen futtern zu müssen. In Großbritannien werden in Produkte, die auf Veganer als Zielgruppe abzielen, per se mit B12 angereichert. Es geht dabei nichtmal um Convenience-Food, sondern um alles, von Brotaufstrichen bis zur Soyamilch. Angesichts der Vielzahl an bichemisch hergestellten Zusatzstoffen in Lebensmitteln von Marmelade bis zur TK-Pizza (such nur mal nach naturidentischen Aromastoffen, die sind alle aus dem Labor) sehe ich eine Anreicherung mit biochemisch, also im Labor von Bakterien erzeugtem B12, nicht wirklich als problematisch an.
      Um Kinder ausreichend zu versorgen muss man natürlich anders vorgehen. Um Kinder ging es im Artikel aber auch gar nicht, sondern um die unzulässige Kombination aus Studien, deren Aussagen fehlinterpretiert wurden, und überzogenen Verzehrempfehlungen.

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