Die Blogsphäre über die #Bundesjugendsiele und @mama_arbeitet

Da hat Mama Arbeitet ja einen Stein ins Rollen gebracht. Die Staatspleite von Griechenland, Ausländerfeindlichkeit und die NSA haben kaum so viele empörte und zustimmende Kommentare auf Facebook und den Zeitungswebsites hervorgerufen.

Ich habe mal die Blogsphäre abgesucht, da ich ja auch generelle Probleme mit der Art und Weise habe, wie der Sportunterricht seit Generationen läuft und wie sich der schnell zu Diskriminierungen und Mobbing tendierende Blödsinn in den Bundesjugendspielen als verpflichtende Schulveranstaltung fortsetzt.

Tanja Gabriele Baudson teilt meine generelle Kritik auf dem Fachportal Hohbegabung und führt aus:

Das Problem ist aber nicht das Sportfest. […] Die Schule trägt durch die Notenvergabe ihren Teil dazu bei, gesellschaftlichen Entwicklungen (wie steigendem Bedarf an Akademikern) zu begegnen. […]

In Fächern wie Mathematik, Deutsch oder Englisch, die akademisch relevant sind, mag das ja noch halbwegs nachvollziehbar sein. […] Primär geht es [beim Sportunterricht] doch darum, einen körperlichen Ausgleich zu den intellektuellen Anstrengungen des Schultags zu schaffen (in Anbetracht dessen sind die vielleicht anderthalb Stunden Sport pro Woche einschließlich Umziehen eine ziemliche Lachnummer). […]

Wo wir Erwachsenen bei Familientreffen herumsitzen und reden, klettern die Kinder übers Sofa und unter den Tisch, rennen zehnmal vom Keller zum Dachboden und zurück, toben durch den Garten und haben die Kalorien des Mittagessens schon dreimal verbrannt, während wir noch am Dessertwein nippen. Wie kommt es, dass diese offensichtliche Freude an der Bewegung verschwindet – und was kann man tun, um sie so lange wie möglich aufrecht zu erhalten? Hier tut sich ein Betätigungsfeld für den Sportunterricht auf, das dem Gedanken des körperlichen Ausgleichs tatsächlich gerecht werden könnte, statt (ggf. weitere) Frusterlebnisse zu schaffen.

Papa Quatscht macht sich Sorgen um die Kommentare, die zu diesem Thema abgelassen wurden. Neoliberale Töne, die die Leistungsgesellschaft lieben und Weicheier hassen.

Und nein, damit meine ich nicht, dass Niederlagen zum Leben dazu gehören und man dann eben einfach weiter macht. Eine Gesellschaft, die ihr mit eurer Einstellung herauf beschwört, hat für euch dann nämlich keinen Platz mehr! Oder glaubt ihr tatsächlich, dass ihr in diesem Wettbewerb, für das ihr das Leben offenbar haltet, auch in Zukunft stets als Sieger vom Platz geht? Die Pharmaindustrie wird euch dabei sicher gern unterstützen, aber ich will in so einer Welt nicht leben.

Interessanterweise hat in einer meiner lokalen Facebook-Gruppe ein Mensch am vehementesten gegen das Ansinnen gehetzt und mit Sprüchen wie “Wer keine Urkunde kriegt merkt halt mal, dass er Kacke ist” auf Unsportliche eingedroschen, der in seinem eigenen Profil einen Abschluss an der “Schule des Lebens” eingetragen hat, was im Allgemeinen eher nicht für einen erfolgreichen Uniabschluss steht.

Bob Blume schreibt dazu:

Bei der Argumentation, dass Kinder Rückschläge erleben müssten, um gesellschaftsfähig zu werden, wird es dann abstrus. Es erscheint, als hätten (welch unwahrscheinlicher Umstand) viele den Text nicht wirklich gelesen.

Als Lehrer sieht auch er das Problem der Demütigung der Unsportlichen:

Der Punkt ist: Die sehr guten Schüler_Innen wissen, dass sie sehr gut sein werden. Und die „schlechten“ wissen es auch. Und während der große Kampf gegen Mobbing in WhatsApp-Gruppen läuft, sind für viele Kinder die Bundesjugendspiele genau das: eine Demütigung vor riesiger Kulisse.

Natalie Springhart hatte ähnliche Erlebnisse wie ich im Sportunterricht und sieht in ihrem Gemischtwahnlädchen als aus der Schweiz zugezogene relativ neutral auf die Bundesjugendspiele. Wobei es mit dem Sporttag bei ihr ähnliche Situationen gab:

Sporttag aber, das bedeutete Scheitern vor unbekanntem Publikum. Vor älteren Schülerinnen, die zum Messen abdelegiert worden waren. Vor anderen LehrerInnen. Oder, wie damals beim 800m-Lauf im Stadion, vor gefühlt der ganzen Schule, vor allen, die mit ihrem Programm schon durch waren und sich auf die Tribüne gesetzt hatten. Ich hechelte von Anfang an hinterher, die anderen waren bereits längst im Ziel, als ich noch lief.

Und irgendwann begann die Tribüne, mich anzufeuern.

Im Film wäre das ein inspirierender Moment, und sie haben es sicher gut gemeint. Aber das war damals einer der schlimmsten Momente meines Lebens bis dorthin. Ich war dabei zu scheitern. Und zwar kläglich zu scheitern. Es ist eine Sache, grandios zu scheitern, und das habe ich später ganz gut hingekriegt, wenn ich elegant unter der Hochsprungmesslatte durchgesprungen oder um die Hürden herumgelaufen bin und mich dabei selber innerlich abgefeiert habe. Da hat es mich nicht gekratzt, Publikum zu haben, und es war mir egal, was die Leute dachten. Aber kläglich scheitern? Vor den Augen der Schule? Nein, bitte feuert mich nicht an. Bitte nehmt mich nicht wahr. Ich möchte gerade gar nicht existieren, geschweige denn angefeuert werden.

Ninia la Grande, die trozt ihrer Kleinwüchsigkeit im Schulsport ehrgeizig war, regt sich über die Vehemenz auf, mit der Petitionsgegner Derailing betreiben und von der Abschaffung der Bundesjugendspiele auf die Abschaffung der Mathenoten als nächsten Schritt schließen:

Wenn wir die Bundesjugendspiele abschaffen, dann, so feixen einige, könnten wir ja auch gleich den Matheunterricht abschaffen oder Musik oder Kunst oder Englisch. Alle Fächer mit Noten: weg! Schule: weg! In meinen Augen eigentlich eine ganz nette Vorstellung. Aber mal im Ernst: Zwischen Mathe- und Sportunterricht ist ein großer Unterschied. Mathe schließt als Fach grundsätzlich niemanden aus.

Christiane Link schreibt im Stufenlos-Blog auf ZEIT Online aus Inklusionssicht über die Petition und kann sie nur unterstützen:

Trotzdem finde ich die Forderung berechtigt, die Bundesjugendspiele nicht mehr zu einer Pflichtveranstaltung zu machen. Schüler, die nicht gut vorlesen können, müssen schließlich auch nicht am Vorlesewettbewerb teilnehmen und Mathenieten müssen auch nicht am Mathewettbewerb teilnehmen. Warum müssen sich dann die Unsportlichsten gezwungenermaßen einem Wettbewerb stellen? Und für manche behinderten Kinder wird es auch mit Umrechnungstabellen und anderen Bemühungen nicht möglich sein, an einem sportlichen Wettbewerb teilzunehmen. Wenn es eine freiwillige Veranstaltung wäre, an der sowieso nur die Sportbegeisterten teilnehmen, wären sie auch nicht mehr die Einzigen, die nicht mitmachen.

Besim Karadeniz argumentiert auf netplanet.org, dass die Bundesjugendspiele bleiben sollten, da sie ihm einen der schönsten Momente seines Lebens im Zusammenhang mit Schulsport geboten haben:

Denn tatsächlich konnte ich einmal krankheitsbedingt nicht teilnehmen, worüber ich mich naheliegenderweise auch nicht sonderlich beklagte. Jetzt hätte ich zu Hause bleiben oder in der Schule stinklangweiligen Ersatzunterricht genießen können. Auf beides hatte ich keine Lust, so bin ich also mitgegangen auf die Bundesjugendspiele und habe mich bei den einzelnen Sportstätten freiwillig als Zeugwart meiner Kameraden dinglich gemacht, weil nun eben alle meine Kameraden ihren Krempel irgendwohin legen mussten. Irgendwann habe ich dann angefangen, meine Kameraden anzufeuern und am Ende des Tages war es dann doch irgendwie ein ganz lustiger Tag.

Eine Woche später bei der Urkundenausgabe, ich hatte ja logischerweise nichts zu erwarten, bekam ich dann aber doch etwas, nämlich eine Urkunde meines Sportlehrers für den „sozialen Einsatz“, verbunden mit – halten wir es bitte deutlich fest, weil es das noch nie gab in Besims Sportunterrichtkarriere: In Abstimmung mit der Schulleitung eine Sondernote 1 und den Hinweis meines Sportlehrers an die Klasse, dass nicht wenige Punkte erst dadurch zustandegekommen sind, weil sich der kleine, dicke Besim am Spielfeldrand bei wirklich jedem Lauf, Sprung oder Wurf der Klassenkameraden die Lungen aus dem Leib geschrien hat.

Ob das so als Argument für die Bundesjugendspiele hinhaut – ich bin mir nicht sicher.

Soweit bis jetzt.

 

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