Familiengeschichte #ichbinmigrant #bloggerfürflüchtlinge

Deutsche Kultur. Durchrassung. Leitkultur. Die gehören nicht nach Deutschland. Das Deutsche Volk stirbt aus. Hört man so. Aber wie “deutsch” seid Ihr eigentlich?

Ich für meinen Teil bin in Deutschland geboren, habe Eltern, die in Deutschland geboren wurden, und habe nie auch nur einen Tag im Ausland gelebt.

Dennoch sind meine Wurzeln nicht in Deutschland.

Als meine Mutter im Juli 1941 geboren wurde, war Deutschland im Krieg. Ihr Vater war evangelischer Gemeindepfarrer bei Kattowitz.

In Oberschlesien, das heute wieder Teil von Polen ist.

Weil er sich seit der Machtergreifung schon mehrmals kritisch den Nazis gegenüber geäußert hatte und dafür sogar mehr als einmal eine Nacht im Gefängnis verbracht hatte, wurde mein Großvater zum Militärdienst eingezogen und war als Soldat nicht bei seiner Familie.

Die Lage in Oberschlesien war schlimm, der Krieg fand dort direkt vor der Haustür statt und kam mit jedem Monat näher. Der Mann war nicht zu Hause. Meine Großmutter nahm die Reste der Familie und flüchtete. Nicht vor der Bevölkerung, sondern vor dem Krieg. Der Mädchenname meiner Mutter lautet Schliebitz, das ist ein Name, den man trägt, wenn man in Oberschlesien einheimisch ist.

Die Familie lebte dort seit etlichen Generationen, wechselte über die Jahrhunderte ab und zu die Nationalität. Je nach dem, zu welchem Land Oberschlesien gerade gehörte.

Auf dem Pferdewagen flüchteten sie  nun und kamen schließlich in Ostfriesland zur Ruhe. Der kürzeste Weg von Kattowitz nach Norden in Ostfriesland beträgt heute mit dem Auto über 1000km.

Viele Flüchtlinge – so nannte man sie damals – aus Oberschlesien landeten in Friesland. “Die ganzen hochgewachsenen, blonden Mädchen auf den Festen und Ümzügen nach dem Krieg, das waren fast alle Schlesierinnen.” erzählte meine Mutter mal.

Trotzdem ging es den Flüchtlingen damals schlecht. Sie wurden als Fremde, teilweise als Schmarotzer angesehen. Wäre mein Großvater nicht nach dem Krieg dort Pfarrer geworden, wäre es ihnen noch schlimmer gegangen.

Meine Mutter lernte schließlich in Hannoversch Münden meinen Vater kennen. Dessen Mutter stammte aus Ostpreußen, also beinah, denn sie wurde erst nach der Flucht ihrer Eltern während des 1. Weltrieges geboren.

ich bin also – nach den heutigen Grenzziehungen – Migrant. Meine Mutter ist aus Oberschlesien geflüchtet und die Wurzeln meines Vaters sind zur Hälfte in Ostpreußen. Beides ist heute Polen.

Die ganze Geschichte Deutschlands ist eine der Migration. Schweden wanderten einst in Elbgermanien ein und so entstanden die Sueben. Die haben während ihrer Völkerwanderung von Norddeutschland bis hin nach Schwaben und in die Donauregion hinein gewirkt. Deutliche Spuren sind auf “ing” oder “ingen” endende Ortsnamen: St. Peter-Ording im Norden, Tuttlingen im Süden.

Sehen wir uns mal den Kohlenpott an. Bestimmt sehen auch “besserdeutsche” besorgte Bürger gerne den Tatort und haben da auch Schimanski gesehen.

Schimanski gehört zu den völlig normalen Namen im Ruhrgebiet. Wie Nawrocki, Bieletzki, Kowalski. Namen, die aus Polen stammen. Seit der Teilung Polens, die große Teile des Landes dem Deutschen Reich zuschlug, sind immer wieder Polen nach Deutschland gekommen.

Diese dauernde Migration sorgte erst dafür, dass die Stahl- und Kohleindustrie im Ruhrgebiet genügend Arbeitskräfte hatte.

Bildschirmfoto vom 2015-08-28 21:34:17Vermutlich hat auch Michael Andrejewski familiäre Wurzeln in Polen. Er hat es bis zum Mitglied des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern geschafft. Ein wahres Zeichen für die erfolgreiche Integration – denn er sitzt dort für die NPD, von deren Homepage der Screenshot stammt. Um einen solchen Partifunktionär bei der NPD zu finden musste ich nicht lange suchen – er war direkt in der ersten Fraktion, die mir Google zeigte.

In Dresden stand Ronny Zasowk als Kandidat zum Amt des Sozialbürgermeisters zur Wahl. Sein Name ist zwar so selten, dass ich kaum eine Herkunft ermitteln kann, hat aber offensichtlich auch genauso einen Migrationshintergrund wie Stanislav Tillich, der zur sorbischen Bevölkerung Sachsens gehört.

Ich bin kein Einzelfall. Wenn man in eigenen oder fremden Stammbäumen etwas zurückblättert, wird man bei einem großen Teil der Bevölkerung einen Migrationshintergrund finden.

Die Geschichte des ach so gern herbei zitierten Deutschen Volkes ist eine Geschichte der Migration. Daran gibt es nichts zu rütteln.

There are currently no comments highlighted.

3 thoughts on “Familiengeschichte #ichbinmigrant #bloggerfürflüchtlinge

  1. bsasse

    “Die Geschichte des ach so gern herbei zitierten Deutschen Volkes ist eine Geschichte der Migration. Daran gibt es nichts zu rütteln.”

    Die Vereinfachung “Migration hats schon immer gegeben” bzw. “Deutschland war schon immer Einwanderungsland” usw. ist eine Binsenweisheit, die zwar natürlich irgendwie stimmt, aber auch den tatsächlichen Wandel kaschiert.

    So gilt ja für Deutschland (und die meisten europäischen Länder, bes. die ohne Kolonien), dass es zwar ne sehr lange und gut belegte Migrationsgeschichte gibt (wie Sie ja erwähnt haben), aber der entscheidende Fakt ist, dass diese bis weit ins 20. Jhd. meist im Kontakt mit der unmittelbaren Nachbarschaft abgelaufen ist (z.B. polnische “Sachsengänger”, hugenottische Glaubensflüchtlinge, schottische Söldner, Litauer in Ostpreußen, Tschechen in Wien, Juden, usw. usf.). Grade Slawen wurden in großer Zahl assimiliert.
    Aber nach dem Zweiten Weltkrieg fand eben bedingt durch den Eisernen Vorhang (der das traditionelle Arbeitskräfte-Reservoir Osteuropa abschnitt) eine Umorientierung auf Süd(ost)europa/Nahost statt. Was im Rückblick schon eine Zäsur ist, die wesentlich unterschätzt oder gar nicht wahrgenommen wird, finde ich. Es wird ja oft suggeriert, Deutschland sei mit den Gastarbeitern zum Einwanderungsland geworden. Großer Irrtum, wie Sie ja auch in Ihrem Beitrag illustriert haben*. Was damit ungesagt gemeint wird, ist wohl, dass sich Charakter und Herkunft der Einwanderer in den letzten Jahrzehnten radikal verändert haben, denn Südeuropäer haben vorher nur eine kleine und Nichteuropäer eine minuskule Rolle gespielt.

    Und das, würde ich sagen, ist schon eine gänzlich neue Dimension. Klar, Migration hat Deutschland (und andere europäische Länder) schon immer geprägt, aber (1) überseeische bzw. nichteuropäische Einwanderung, (2) in dieser Kontinuität und Größenordnung, (3) bei einer zugleich stagnierenden bis schrumpfenden altansässigen Bevölkerung, das sind drei Faktoren, die in dieser Ausprägung und Kombination noch nie zusammengetroffen sind und die heutige Migrationsbewegung sehr deutlich von früheren absetzen. Und daraus ergibt sich die Hartnäckigkeit der heutigen Probleme.

    *) Wenngleich ich Binnenflüchtlinge aus dem ehemaligen deutschen Osten nicht als Migranten i.e.S. zählen würde, schon aufgrund von gleicher Staatsbürgerschaft und Volkszugehörigkeit.

    Reply
  2. Volker König

    Die heutige Migration ist ein Ergebnis der Globalisierung. Peter Vonnahme bezeichnet es als die Vorboten einer folgerichtigen neuzeitlichen Völkerwanderung: http://www.hintergrund.de/201508223637/feuilleton/zeitfragen1/vorboten-einer-neuzeitlichen-voelkerwanderung.htmls
    “Binnenmigration” ist aber ein Etikettenschwindel. Schlesien wechselte zwischen Polen und Deutschland hin und her, wenn man es über die Jahrhunderte betrachtet. Die Spätaussiedler sind Binnenmigranten, weil sie z.T. selbst, z.T. ihre unmittelbaren Vorfahren mal Deutsche waren?
    Wie ist das mit Menschen aus dem Saarland? Das war ja auch mal bis vor gar nicht allzu langer Zeit französisch.
    Die Grenzen sind immer flexibel und wandeln sich. Was bleibt ist die Tatsache, dass Flüchtlinge beäugt werden. Das war im 2. Weltkrieg und danach mit den Binnenflüchtlingen auch schon so, siehe meine aktuelle Tweetsammlung mit den drei am Ende gesammelten Tweets von Herrn Häkelschwein: Der Bürgermeister ging davon aus, dass diese Katholiken Hude wieder verlassen werden, weil sie dort nicht hin passen.
    In meiner Kindergarten- und Grundschulzeit konnte ich noch Katholiken und Protestanten fast 100% sicher auseinanderhalten, ohne sie zu fragen, was sie sind. Inzwischen hatte ich bei einem Artikel über junge Deutsche, die Ausländerfeindlichkeit zu spüren bekamen, Probleme, sie als Menschen mit Migrationshintergrund zu erkennen.
    Die Welt verändert sich und ich wünsche mir, dass wir in 25 Jahren nur den Kopf über die heutigen besorgten Bürger schütteln müssen und niemand Grund hat, uns zu fragen, warum wir keine Pogrome verhindert haben.

    Reply
  3. Pingback: #bloggerfuerfluechtlinge – Glück | Schnauze, Lübke!

Dein Senf dazu?