Warum jede Paywall dem Internet weh tut #krautreporter (etwas ausführlicher)

Ich hab gestern ja spontan über die Paywall der Krautreporter geschrieben. Jetzt nehme ich mir die Zeit, zu erklären, warum ich es als schmerzhaft empfinde, wie das Konzept an die Wand gefahren wird.

Die Krise des Journalismus, die je nach Sichtweise gerade kommt oder schon mitten im Gange ist, besteht aus der Disruption des Geschäftsmodells der Zeitungen. Überwiegend der Tageszeitungen, aber auch der Magazine.

Die hatten zwei Aufgaben: Nachrichten übermitteln und Nachrichten erklären. Der größte Teil der Zeitungen bestand früher, also definitiv noch 1990, aus Nachrichten. Aus Berichten darüber, was in der Welt vor sich geht: Was in der Welt- und Landespolitik gerade an Themen existieren, welcher Fußballverein gerade welchen Trainer verpflichtet und welcher Konzern gerade welche Firma schluckt.

Im Jahr 2015 befinden wir uns mitten in einer Entwicklung, die das, was davon noch übrig ist, bald überflüssig machen wird. Wenn ich die Meinung der Bundeskanzlerin wissen will, kann ich den Youtube-Channel der Bundesregierung ansehen. Ich muss nicht mehr zufällig in der Tagespresse lesen, welcher Politiker im Plenarsaal welchen unsäglichen Zwischenruf tat – ich kann es auf den Videos selber sehen und hören.

Gestern Abend war die Feuerwehr unterwegs? Ich brauche keine Zeitung, ich kann den Einsatzbericht im Wortlaut, der an die Redaktion ging, auf der Homepage des örtlichen Löschzuges nachlesen.

Aktienkurse zeigt mir Android bei Änderungen auf dem Homescreen an.

Produktankündigungen von Firmen kommen zwar auch über Pressemeldungen in die Zeitungen, aber sie sind auf den Facebookseiten und Twitteraccounts der Hersteller schneller, als Redaktionen die Pressemeldung aus dem Fax fischen können.

Nicht einmal das Liebesleben der Stars und Sternchen kann mehr “exclusiv” ausgewalzt werden, denn immer mehr von ihnen gewinnen die Deutungshoheit über ihre Leben dank Instagram und Facebook zurück.

Nun wird nicht jeder täglich die Webseiten und Youtube-Channels der Wirtschaft und Politik abklopfen, aber es gibt da zwei Wege, die sich durchsetzen werden:

Die Filterbubble: Irgendjemand aus der eigenen Filterbubble stößt auf eine interessante Meldung und teilt sie, auf dass man sie selber auch teilt.

Aggregatoren: die einen Aggregatoren wie RIVVA oder der Algorithmus von Facebook promoten schon heute Nachrichten, die oft geteilt wurden und daher augenscheinlich von Interesse sind, andere sammeln selber themenbezogen (wie heise.de) oder an ihrer  Zielgruppe orientiert, wie die “Startseiten” bei web.de, gmx oder T-Online.

Daraus ergibt sich, dass das Internet keine drei- oder vierstellige Zahl an Zeitungswebsites braucht, die automatisch Agenturmeldungen übernehmen. Da reichen eine Hand voll Magazine und “Startseiten”, die das automatisch und zielgruppenorientiert machen. Die Zeitungen mit Universalistenanspruch und ohne eigenes Profil werden zum größten Teil sterben.

Was bleibt den Zeitungen und Zeitschriften, um im Internet zu bestehen?

Analysen, Einordnungen, die Hintergrundinformationen, das, was nicht in die Schlagzeilen passt und an hunderten von Stellen aus Agenturmeldungen abgetippt kopiert wurde. Mit hochwertigen Inhalten, die deutlich mehr als die Nachrichtenübermittlung darstellen, können sie LeserInnen locken. Das kostet Zeit und Personal – und da liegt der Hund begraben.

Die taz macht genau das. Sie ist werbearm und hatte seit der Gründung keinen Platz, reine Informationen zu vermitteln. Sie vermittelte immer eine Meinung, beleuchtete Hintergründe und tat dies, um zu wirken. Daher bettelt die taz zwar um Abonnenten, aber die Artikel sind zunächst frei zu lesen.

Ich habe zwar ein Digiabo der taz und auf dem Tablet die App installiert, aber ich lese sie im Browser und die meisten Artikel bekommen ich via Twitter oder Facebook quasi von meiner sozialen Blase kuratiert.

Daher war ich froh, als die Krautreporter ausdrücklich Geld sammelten, um die Recherche zu ermöglichen und das Schreiben. Unabhängig von einem Konzern und unabhängig von Anzeigenkunden. Aber eben offen lesbar.

Das offen lesbare ist wichtig, weil eben mit den Hintergründen auch Meinungen transportiert werden. Die Presse war und ist immer von Meinungen getrieben, versteckt das aber gerne hinter einer schwurbeligen Neutralität, die ignoriert, dass es keine Objektivität in einem einzelnen Menschen gibt.

Außerdem ist das Internet zum einen eine Kopiermaschine, die Inhalte von A nach B vervielfältigt, zum anderen aber ist das WWW eine Verweissammlung. Wenn ich nicht auf einen Artikel verweisen kann, weil er hinter einer Paywall liegt, ist er faktisch nicht “im Internet”.

Niemand ist heute mehr mit einer exclusiven Informationsquelle zufrieden. Ich gehe mal als steile These davon aus, dass die meisten der Social Media Nutzer (und die Jugend baut sich ihre Social Media in WhatsApp und Snapchat und was da noch alles kommen wird gerade selber) eben nicht mehr jeden Morgen die Website der lokalen Zeitung aufrufen und dann bei Focus oder SPIEGEL Online gucken werden.

Sie vertrauen auf die Kuratierung der Inhalte durch ihre Filterblase, in der jeder die eine oder andere Website regelmäßig aufsucht und das Interessante teilt.

Und da haben wir das, was die Paywall verhindert: Das Teilen.

Würden die Zeitungen es hin bekommen, eine gemeinsame Paywall aufzubauen, bei der wir uns nur an einer Stelle einloggen und nur an einer Stelle bezahlen müssen, wäre das ein Plan B. Die wenigsten potentiellen LeserInnen werden bereit sein, Abos in mehr als drei oder vier Medien abzuschließen.

Wenn Zeitungen sich über pay-per-read oder ähnliches finanzieren wollen, dann setzt es aber voraus, dass die Identifizierung und Zahlung einheitlich ist und nicht in jeder Ecke anders. Und wir sind mit jeder weiteren Paywall weiter davon entfernt.

Die Krautreporter, so hoffte ich, würden den Zeitungen das, was sie dank Personalabbau schon lange nicht mehr konnten, vormachen. In neuer Form.

Ideologisch geprägte Angebote, die genau das machen, gibt es zu hauf: pi-news, die Deutschen Wirtschafts Nachrichten, die News vom KOPP-Verlag. Das ist aktuell der Schund, der in sozialen Netzwerken geteilt wird, den ich hier im Leben nicht verlinken werde und der geradlinig zu Hass Gewalt führt.

Diese Portale sind alle offen lesbar, weil sie Meinungen, Propaganda verbreiten wollen.

Da brauchen wir eine Zeitungs- und Nachrichtenkultur, die ebenfalls offen lesbar und frei verfügbar ist.

Die Krautreporter werden ab dem 15.10. nicht darunter sein, was ich sehr schade finde. Die von mir als Zielgruppe empfundenen LeserInnen ohne Krautreporter-Mitgliedschaft jetzt als “Trittbrettfahrer” zu bezeichnen, ist unerträglich schmerzhaft. Sie erschleichen sich keine Leistung, wie der Fahrgast, der auf dem Trittbrett mitfährt ohne zu zahlen, sondern ich glaubte, zu zahlen, damit auch sie mitfahren können.

Ich würde auch 10€ im Monat zahlen, wenn die Paywall nicht käme – aber der Zug ist offenbar abgefahren.

 

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2 thoughts on “Warum jede Paywall dem Internet weh tut #krautreporter (etwas ausführlicher)

  1. Cronos17

    “Da brauchen wir eine Zeitungs- und Nachrichtenkultur, die ebenfalls offen lesbar und frei verfügbar ist.”

    Insbesondere dieser Punkt!
    Interessante und gute Kommentierung!

    Reply
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