Unitymedia und ich: Es ist kompliziert.

Ich bin kein Kunde von Unitymedia und war es nie. Auch nicht von ish oder Kabel Deutschland. Aber das muss ich alle paar Jahre neu erklären.

Es war ungefähr 2000. Meine damallige Parterin und ich lebten in einer Doppelhaushälfte, die ihr gehörte. Ich war gerade dabei, den Keller trocken zu legen, und bohrte daher reihenweise Löcher in die Kellerwand. Um Verkieselungsflüssigkeit gegen aufsteigende Feuchtigkeit dort einsickern zu lassen.

Jemand klingelte an der Tür. Er käme von Kabel Deutschland und müsse den Anschluss überprüfen.

“Wir haben keinen Kabelanschluss.”

“Eine Antenne haben Sie aber auch nicht. Wie gucken Sie dann Fernsehen?”

“Eigentlich gar nicht. Außer gekaufte Konserven.”

“Aber Ihr Vormieter hatte Kabel.”

“Wir sind Eigentümer.”

“Dann hatte der Vorbesitzer einen Anschluss.”

“Nein, da ist keiner. Ich trockne gerade den Keller, daher kenne ich alle Anschlüsse.”

Grummelnd zog er ab, suchte die Nachbarn in der anderen Hälfte heim und tauchte nicht mehr auf. Das ältere Eherpaar nebenan hatte übrigens einen Kabelanschluss.

2002 fanden wir einen Zettel im Briefkasten. Der Absender war ish. Ish, so verriet mir das Internet, hatte das Kabelnetz von Kabel Deutschland übernommen. Wir sollten, so stand es auf dem Zettel, mal jemanden unter einer Handynummer anrufen, weil er uns nicht angetroffen habe.

Es ginge um den Kabelanschluss.

Ach ja.

Auf den dritten oder vierten Zettel reagierte ich dann, weil handschriftlich “Dringend!!!” notiert war.

Ich erreichte einen Monteur. Der wollte den Kabelanschluss stilllegen, weil wir ja nicht zahlten.

“Ne, natürlich zahlen wir nicht, wir haben ja auch keinen Anschluss.”

“Doch.”

“Nein.”

“Aber die Vorbesitzer hatten einen.”

“Keine Ahnung, jetzt ist aber keiner mehr da. Ich kenne die Kellerwände, den hätte ich sehen müssen.”

“Sie können den gar nicht erkennen. Nach unseren AGBen müssen Sie mich zu normalen Geschäftszeiten in Ihr Haus lassen, wenn Sie das verweigern, muss ich mit der Polizei kommen!”

Ich beendete das Gespräch aus offensichtlichen Gründen. Wir schrieben ish an und bekamen eine Entschuldigung: Die Vorbesitzer hatten einen Kabelvertrag, aber keinen (technischen) Anschluss. Da wurde wohl der des Nachbarhauses mit benutzt. Die Daten seien bei der Übernahme jeweils von der Telekom zu Kabel Deutschland zu ish anscheinend unsauber konvertiert worden.

Wir hatten nunmehr schriftlich, dass es keinen Anschluss gibt und die Daten korrigiert seien.

***

Im Frühling 2006 kaufte ich die andere Haushälfte, nachdem die Eigentümer verstorben waren. Ihre Erbin hatte anscheinend alle Verträge ordnungsgemäß gekündigt, auch den Kabelanschluss. Im Herbst kam ein Schreiben von ish.

Man wollte vorbeikommen und den Kabelanschluss stilllegen, wenn ich nicht langsam mal einen Vertrag abschlösse.

Ich war mit der Sanierung des Hauses größtenteils fertig und nur noch abends da. Die Techniker wollten zum Abklemmen des Anschlusses aber zu den normalen Geschäftszeiten vorbei kommen, wie halt in den AGBen vorgesehen. Kam mirjetzt  nicht völlig unbekannt vor.

Dabei ist das so:

AGBen sind Allgemeine Geschäftsbedingungen. Quasi das Kleingedruckte des Vertrages. Ich hatte keinen Vertrag über einen Kabelanschluss mit ish (und keinen mit Kabel Deutschland oder der Bundespost). Also konnte niemand aus irgendwelchen AGBen heraus irgendeine Pflicht herleiten, die ich zu erfüllen hätte.

So einfach kann Zivilrecht sein.

“Die Anschlussbox ist aber unser Eigentum und Sie müssen uns ermöglichen, sie abzubauen!”

Ich war warm gelaufen und kramte den §946 BGB hervor:

Wird eine bewegliche Sache mit einem Grundstück dergestalt verbunden, dass sie wesentlicher Bestandteil des Grundstücks wird, so erstreckt sich das Eigentum an dem Grundstück auf diese Sache.

Aus Sicht des Kabelanschlusses ist die Verbindung mit dem Haus wesentlich, da er ohne Haus drum herum ziemlich sinnlos ist. Wer ohne gesetzliche oder vertragliche Grundlage irgendeinen Anspruch auf mein Grundstück erhebt, muss diesen im Grunduch eintragen lassen, was die Kabelanbieter schon aus Kostengründen nicht machen. Die Telekom hatte hingegen als Deutsche Bundespost noch auf gesetzlicher Basis das Recht, alle ihre Anschlüsse jedereit kontrollieren zu dürfen.

Nur ist ish eben nicht die Deutsche Bundespost. Die ish-Mitarbeiter, die unbedingt wollten, dass ich einen Tag Urlab nehme, damit sie nicht nach 18 Uhr arbeiten müssen, argumentierten noch eine Weile herum.

Um das zu beenden kam ich ihnen entgegen: Sie hätten die Wahl, mit welchem Werkzeug ich die mir gehörende Anschlussdose von der Wand kloppe. Man versprach drohte mir, dass die Rechtsabteilung sich melden würde.

Tat sie auch. Kurzes Telefonat, man entschuldigte sich und ein Techniker teilte mir am nächsten Tag mit, dass das Fernsehkabel von meinem Grundstück eingezogen worden sei. Der Anschluss sei Geschichte und das entsprechend vermerkt.

***

Februar 2016. Es ist Dienstag und ich bin gegen 9 Uhr früh nur zufällig zu Hause, weil ich krank bin. Es klingelt an der Tür. Ich ignoriere es. Das Telefon klingelt. Ich tapere zum Apparat und sehe, dass ich den Anruf einer Handynummer verpasst habe.

Es klingelt Sturm. Der Anrufer war wohl der Mensch vor der Tür. Man hat wohl durch das Fenster gesehen, dass ich da bin. Ungehalten öffne ich in T-Shirt und Unterhose die Tür.

Ich hörte irgendwas mit Unitymedia, Flugfunk und Überprüfung des Kabelanschlusses.

Unitymedia. Die sind der Rechtsnachfolger von ish. Waren da mal wieder unscharfe Daten übernommen worden?

Ich stellte sofort klar, dass seit 10 Jahren kein Anschluss mehr da sei, rückgebaut Da sei nichts mehr, niente, nix, rien, nothing, ничего, nihil. Sie schienen unentschlossen, wollten das Gespräch mit mir noch nicht beenden, hatten aber kein Thema mehr zur Hand.

Ich schloss die Tür und legte mich wieder ins Bett.

Die beiden Männer in Monteurskleidung hatten einige Messgeräte umgehängt. Einer trug ein Bluetooth-Headset im Ohr und stand vor meinem offenen Schlafzimmerfenster, als er mit seiner Zentrale telefonierte.

“…behauptet, da sei kein Anschluss… Messwerte habe ich geprüft… schriftlich… dann werden wir nochmal wiederkommen…”

Einige Stunden später forderte ich per Rauchzeichen Fax von Unitymedia eine Datenauskunft an. Ich bin Eigentümer und einziger Bewohner des Hauses und daher sind alle Daten, die über das Haus gespeichert sind, personenbezogen.

Heute kam die Antwort.

Nach dem Datensatz von Unitymedia bin ich am 17.3.1903 geboren. Gut. Für bald 113 Jahre fühle ich mich ausgesprochen rüstig. Mein Kundenstatus ist “deaktviert”. Das klingt interessant, ich war nie Kunde und bin daher irritiert. Offenbar hatte “ish” seinerzeit einfach den Namen des verstorbenen Kunden durch meinen ersetzt und dann kam Unitymedia und die Daten wurden mal wieder dreiviertelvollständig übernommen.

Die Messung, so erklärt mir das Schreiben, erfolgte, weil Messungen der Bundesnetzagentur Störungen durch einen Kabelanschluss ergeben hätten. Eine Fremdfirma sei dann von Unitymedia beauftragt worden, die Quelle der Störungen zu ermitteln.

Bitte ermöglichen Sie die Prüfung des Anschlusses. Wird dabei festgestellt, dass der Rückbau nicht vollständig erfolgt ist, korrigieren wir die Arbeiten natürlich. Bitte lassen Sie sich in diesem Fall einen entsprechenden Bericht ausstellen.

Solche Erlebnisse bestärken mich im Glauben, dass Franz Kafka noch lebt und Professor für Prozessoptimierung ist.

Das Absurdeste an der Situation: Wir planen gerade einen Umzug. Dieses Haus wird verkaut, ein neues erworben. Das neue Haus hat lustigerweise einen Kabelanschluss. Da ein alterstypisch TV-süchtiges Kind mitkommt und Unitymedia hier auf dem Land den schnellsten Internetanschluss bietet wäre die Übernahme des Anschlusses nicht uninteressant.

Andererseits fühlt sich das auch wie irgendwas zwischen Kapitulation und Stockholm-Syndrom an.

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